Mehlingen
Geheimtipps vor der Haustür: Unterwegs zu Sonne und Mond
Wussten Sie, dass es nicht nur eine Sonn-, sondern auch eine Mondwende gibt? Oder dass der Abtstein in Mehlingen vielleicht gar keinen Kirchenmann, sondern einen keltischen Gott zeigt? Oder was eine Teichmummel ist?
Wenn Sie alle diese Fragen mit „nein“ beantworten, dann sollten Sie sich unbedingt auf den Sonnwendweg zwischen Mehlingen, Sembach und Enkenbach-Alsenborn begeben und am besten führen lassen. Denn mit Eckhard Vogel, dem seit diesem Jahr als Gästeführer der Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn engagierten Altbürgermeister von Frankenstein, lässt sich auch auf den Wegstücken zwischen den eigentlichen Sehenswürdigkeiten viel entdecken.
Kein Auge, sondern ein Kalender
Los geht die rund neun Kilometer lange, recht flache Runde – mit Abstecher zum mysteriösen Spitzen Hübel sind es fünf Kilometer und einige Höhenmeter mehr – am Schwimmbad in Mehlingen. Ein weißes Symbol auf blauem Grund weist den Weg. Es stelle kein Auge dar, auch wenn es daran erinnere, sagt Vogel. Vielmehr stamme das Zeichen von einer alten Münze oder einem Medaillon, das bei Ausgrabungen gefunden wurde. „Es ist wohl ein Hinweis auf einen keltischen Kalender“ – und führt den Wanderer zunächst ins nahe gelegene Wohngebiet.
Dort wird an einer ersten Station der sogenannte Abtstein, der unter einer großen Winterlinde steht, genauer beleuchtet. Eine Tafel und eine Stele liefern die historischen Hintergründe, teilen den Besuchern mit, was gewiss ist und was nicht. „Vieles von dem, was wir heute sehen, liegt im Dunkel der Vergangenheit“, weist Vogel gleich zu Beginn der etwa dreieinhalb- bis viereinhalbstündigen Tour darauf hin, dass über die Bedeutung einiger Zeitzeichen nur spekuliert werden kann. Sie bleiben eben rätselhaft.
Hügelgräber verweisen auf historische Besiedlung
So wie der 1589 erstmals urkundlich erwähnte Abtstein. Die Bezeichnung legt nahe, dass er den Vorsteher eines Klosters zeigt. Er könnte dann eine Art Grabplatte gewesen sein. Ähnlicher sieht die stark verwitterte Figur darauf jedoch Darstellungen des keltischen Grenz- und Waldgottes Cocidius. „Dessen Attribut war eine Axt“, weiß Vogel, der in Vorbereitung auf seine neue Tätigkeit als Gästeführer extra einen Kurs über die Kelten belegt hat. Denn der antiken Volksgruppe begegnen die Wanderer noch häufiger entlang der Strecke.
Zum Beispiel in Form verschiedener Hügelgräber, die allerdings entweder Nachbildungen sind, um die originalen Grabstätten zu schützen, oder umgesiedelt wurden. So erging es dem Grabmal hinter der bunten „Dorfmitte“-Mitnahmebank, das ursprünglich ungefähr 750 vor Christus auf dem Kleinen Fröhnerhof errichtet worden war. Als dort Anfang des 20. Jahrhunderts ein Truppenübungsplatz angelegt wurde, brachten die Historiker es zunächst ins Historische Museum in Speyer. Erst Ende der 80er Jahre kam es wieder zurück in die Nordwestpfalz. Auch der Spitze Hübel, ein gewaltiger kreisrunder Kegel mitten im Wald hinter der Eselsmühle, 150 Meter im Durchmesser, 20 Meter hoch, könnte von den Kelten errichtet worden sein. Genauso möglich sei es jedoch, dass der Hügel als römische Signalstation gedient habe, sagt Vogel. Sogar eine natürliche Entstehung, ohne dass Menschen Hand angelegt haben, ist denkbar.
Grenzstein mit seltsamen Zeichen
Außer den Hinweisen auf die eisenzeitliche Besiedlung des Landstrichs, gibt es aber noch vieles andere zu entdecken. Römische Steinplatten etwa, die vielleicht einmal als Straßenunterbau gedient haben könnten und moderne, mit Graffiti besprühte Straßensperren aus abbröckelndem Beton, die einst die Zufahrt zum Kerosinlager für den Sembacher Militärflughafen geschützt haben.
Seinen Namen aber hat der Weg, der vom Untergrund und vom Profil nicht wirklich anspruchsvoll, aufgrund seiner Länge aber doch eher etwas für geübte Wanderer ist, von den Stationen, die sich mit den Gestirnen befassen. Da ist einmal der alte Grenzstein zwischen den Gemarkungen Enkenbach und Mehlingen mit seinen seltsamen Symbolen. Sie verweisen eventuell auf Astronomie und Astrologie und da insbesondere auf das Sternbild des Krebses. In diesem steht die Sonne bei der Sommersonnenwende. Aber auch der Mond scheint dargestellt zu sein und vielleicht auch seine unterschiedlichen Himmelspositionen in seinem knapp 19-jährigen Zyklus, den er durchläuft. Denn er verändert – ähnlich wie die Sonne – seine Stellung zur Erde, wandert ungefähr neuneinhalb Jahre in die eine Richtung, um dann von dieser Extremposition wieder zurückzuwandern. Sehr anschaulich wird das noch einmal an der vorletzten Station dargestellt, die sich am Rande des ehemaligen Sembacher Flughafens befindet. Durch einen Peilstab in der Mitte eines großen Kreises können Steine anvisiert werden, die die Auf- und Untergangspunkte von Sonne und Mond zu verschiedenen Jahreszeiten und in den unterschiedlichen Mondzyklusstadien markieren.
Es geht nur im Team
Die Idee für den Sonnwendweg und die übrigen fünf „Rätselhafte Zeitzeichen“-Rundtouren hatte übrigens der ehemalige Bauamtsleiter der früheren Verbandsgemeinde (VG) Enkenbach-Alsenborn, Egon Wolf. Ivonne Christmann vom Tourismusbüro der heutigen VG, erinnert sich noch an die Anfänge. „Als ich 2005 dazukam, lief schon der Förderantrag bei der EU.“ Parallel wurde das Projekt von der Denkmalpflege und dort besonders von Hans Ernst begleitet. Bis zur offiziellen Eröffnung im April 2008 sei es dann trotzdem noch viel Arbeit gewesen. Die Wegeführung habe zwar schon grob festgestanden, dennoch mussten alle Touren noch einmal abgelaufen und optimiert, die Schilder für die Wanderungen gestaltet werden. „Die ersten Wegmarkierungen haben Herr Wolf und ich gemacht“, erzählt Christmann.
Dass die Touren bis heute so gut in Schuss und verständlich ausgeschildert sind, das sei vor allem dem guten Team der Touristiker und der ehrenamtlichen Wegewarte zu verdanken, betonen Vogel und Christmann. Denn es werde immer mal wieder ein Baum mit einer Markierung gefällt, berichtet Vogel, der sich auch als Wegewart einbringen möchte. Auch müsse ab und zu etwas freigeschnitten werden.
Fichten zeigen Lametta-Syndrom
Was da so alles neben dem Sonnwendweg, der durch Felder und Wald führt, wächst – und eben auch mal wuchern kann –, das weiß Gästeführer Vogel übrigens meistens ganz genau. Schließlich ist er als ehemaliger Lehrer für Gartenbau beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz vom Fach. So lernen die von ihm Geführten noch eine andere Facette der Runde kennen. Sie erfahren, dass die Traubenkirsche, die einem mannigfach begegnet, hier eigentlich nicht heimisch ist und andere Pflanzen verdrängt oder dass die Bauern den Weizen auf ihren Feldern behandeln, damit er niedriger bleibt und bei Wind und Regen nicht mehr so leicht umfällt, was für Ernteausfälle sorgt. Ein Blick nach oben zeigt Vogel zudem, dass es um die Fichten nicht gut bestellt ist. „Sie haben das Lametta-Syndrom“, verweist er auf teilweise schon braune Nadeln, die wie Lamettafäden schlaff nach unten an den Ästen hängen – ein Zeichen für eine massive Schädigung der Bäume.
Aber es gibt auch viele schöne Eindrücke, auf die er aufmerksam macht: die Vegetation, die sich ändert, sobald ein wenig Licht in den Wald fällt, Kornblumen im Feld, der Gesang der Amsel. Und als es zu den Schwarzweihern bei Enkenbach geht, künstlich aufgestauten Gewässern, die Freiherr von Gienanth einst als Energiespeicher anlegen ließ, damit seine Eisenhammerwerke nie still stehen mussten, hält er einen zum Lauschen an. „Wir kommen jetzt von den Geräuschen des Waldes und des Feldes zu denen des Wassers“, meint er geheimnisvoll – und schon sind sie zu hören, die quakenden Frösche. Was auf den Weihern für die meisten wie Seerosen aussehe, seien übrigens Teichmummeln. Ihre Blüten sind recht klein, gelb und unscheinbar, ihre Unterwasserblätter aber „sind wunderschön“, findet Vogel.
Eine Bank für spezielle Lasten
Sich stärken und ein wenig ausruhen mit Blick auf die Schwarzweiher können die Wanderer an diesem Tag leider nicht: Die Fischerhütte hat geschlossen. Eine Rastbank der besonderen Art wartet jedoch noch auf die Tourengeher. Nahe der ehemaligen Trasse der Kaiserstraße, die von Napoleon festgelegt wurde, steht eine Rekonstruktion einer sogenannten Napoleonsbank. Der französische Kaiser soll sie nach der Geburt seines Sohnes 1811 überall entlang der Strecke zwischen Paris und Mainz gestiftet haben. Das Außergewöhnliche daran: Sie bietet nicht nur eine Fläche auf Sitzhöhe, sondern darüber eine weitere. „Darauf konnten Kopflasten bequem abgestellt werden, ohne dass man sich bücken musste“, sagt Vogel. Was für den modernen Westeuropäer seltsam anmutet – dass Lasten auf dem Kopf transportiert werden, ist heutzutage doch eher aus Afrika bekannt –, scheint zu Napoleons Zeiten auch hier üblich gewesen zu sein. Tatsächlich erinnert sich Eckhard Vogel an ein Lied, das seine Oma ihm als Kind immer vorgesungen habe. In dem heiße es: „Wenn die Frankensteiner hinausfahren, brauchen sie keinen Karren zu schmieren/setzen sich den Mistkorb uff und marschieren den Schlossberg enuff.“
Für die Sonnwendweg-Wanderer geht es von hier aus allerdings nicht mehr bergan, sondern nur noch flach geradeaus zurück zum Ausgangspunkt. Dort bietet sich an heißen Tagen noch ein Abstecher ins Mehlinger Freibad oder generell ein Ausklang der Tour in einer Gastwirtschaft in der Nähe an.
Informationen
Eine besondere Führung auf dem Sonnwendweg findet am Sonntag, 21. Juni, dem Tag der Sonnenwende, statt. Auf einer verkürzten Runde (acht Kilometer) gehen die Gäste dem Sonnenaufgang entgegen. Los geht es um 4 Uhr morgens am Parkplatz am Sportzentrum (Schwimmbad), Hauptstraße 86b, in Mehlingen. Die Teilnahme kostet 6 Euro.
Mehr Informationen – auch zu weiteren Führungen – gibt es beim Tourismusbüro der VG Enkenbach-Alsenborn unter der Telefonnummer 06303 913168, per E-Mail an tourismus@enkenbach-alsenborn.de oder auf der Homepage auf den Seiten www.enkenbach-alsenborn.de.