Kreis Kaiserslautern „Eine wegweisende Idee“

Walter Steinmetz, Geschäftsführer des Ökumenischen Gemeinschaftswerks Pfalz, sieht die Digitalisierung in der Produktion auch al
Walter Steinmetz, Geschäftsführer des Ökumenischen Gemeinschaftswerks Pfalz, sieht die Digitalisierung in der Produktion auch als Chance.

Mit einer Feierstunde begingen die Westpfalz-Werkstätten am gestrigen Freitag das 30-jährige Bestehen ihrer Einrichtung für Dienstleistung und Produktion (DiPro) am Standort Ramstein-Miesenbach. Was Ende der 80er Jahre als kleine Werkstatt für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen begann, ist nach Ansicht seines Trägers heute aus dem Leben der Stadt und der Region kaum noch wegzudenken.

Eigentlich hat Lisa Hüttel ja an diesem Freitagvormittag arbeitsfrei. Trotzdem führt sie den Besucher gern an den Platz, an dem sie sonst ihre Werktage verbringt: ein großer Tisch mit einigen Kartons, in denen sich weiße Papierfilter für den Innenraum von Autos stapeln. Jeden einzelnen dieser rechteckigen und mit Lamellen ausgestatteten Filter muss die 31-Jährige in die Hand nehmen, auf seine Unversehrtheit prüfen und anschließend mit einer aufgeklebten Kunststoff-Dichtung versehen. „Und zwar exakt senkrecht“, betont die gelernte Fleischerei-Fachverkäuferin, „sonst kommt das Teil nicht durch die Endkontrolle.“ Wie viele solcher Innenraum-Filter sie pro Schicht so fertigstellt, weiß Lisa Hüttel nicht genau. „Wir werden hier ja auch nicht nach unserer Leistung bezahlt“, erklärt die junge Frau. „Sondern wir arbeiten, so viel wir gerade können. Das kann bei mir an einem Tag mal ziemlich viel sein, weil es mir gut geht. Und an anderen Tagen brauche ich vielleicht öfter mal eine Pause.“ Aber nicht nur deshalb mag die Westpfälzerin ihren Arbeitsplatz sehr: „Hier bekomme ich die Wertschätzung, die mir in meinem alten Beruf nie jemand gezeigt hat.“ Für sie ein wichtiger Grund, warum sie eines Tages seelisch nicht mehr so stabil war, wie es ihr alter Job verlangte. Gemeinsam mit Lisa Hüttel arbeiten heute rund 70 Männer und Frauen in der DiPro an der Schulstraße im Ortskern von Ramstein. „Begonnen haben wir hier im Jahr 1989 mit damals etwa 30 Beschäftigten“, berichtet Jutta Fischer, die Leiterin der örtlichen Betriebsstätte. Bis Anfang der 70er Jahre war in dem stattlichen Altbau die Volksschule untergebracht, deren Schüler dann in die neu gebaute Reichswald-Schule umzogen. „Danach haben sich eine Behinderten-Werkstatt und die örtliche Pfadfinder-Gruppe das Haus geteilt“, erinnert sich Ramsteins Bürgermeister Ralf Hechler, der dort noch selbst Zelte aufbauen gelernt hat. Im Jahr 1988 verkaufte die Gemeinde das alte Schulhaus an das Ökumenische Gemeinschaftswerk Pfalz, das bis heute Träger der Einrichtung ist. Sein Geschäftsführer Walter Steinmetz blickt an diesem Jubiläumstag durchaus ein wenig stolz auf die bisherigen Leistungen der DiPro zurück: „Schon die Idee, dass Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in einer kleineren Einrichtung und möglichst mitten im städtischen Leben besser arbeiten können, war damals wegweisend“, erläutert er den rund 300 Gästen der Feierstunde, die auf dem ehemaligen Schulhof stattfindet. „Ein weiterer wichtiger Grund für diesen Standort ist bis heute, dass die große Mehrheit unserer Beschäftigten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit anreisen kann.“ Diese Selbstständigkeit, zu dem oft auch eine eigene Wohnung gehört, ist gerade für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen von großer Bedeutung. Ebenso wie die Tatsache, dass sie für ihren täglichen Einsatz auch einen Arbeitslohn bekommen. „Der mag zwar mit rund 220 Euro im Monat nicht gerade üppig ausfallen“, räumt Geschäftsführer Steinmetz ein. „Aber wir finanzieren ihn ausschließlich aus den Erlösen, die wir bei unseren Aufraggebern erzielen.“ Dazu gehören auch namhafte Industriebetriebe, mit denen das Sozialunternehmen teilweise schon seit Jahrzehnten zusammenarbeitet. „Doch am Ende zählt hier nicht allein die Tradition, es muss sich für die Auftraggeber auch lohnen,“ fügt Steinmetz hinzu. Um die Zukunft von DiPro in Ramstein, seiner 70 Beschäftigten und der Arbeitsplätze ihrer professionellen Betreuer ist dem Sozialmanager denn auch bange. „Auf der einen Seite beobachten wir zwar einen gewissen Rückgang bei Großserien-Aufträgen mit einfachen Tätigkeiten“, sagt er über die Entwicklung, „offenbar wird für die Unternehmen der Einsatz von automatisierter Fertigung in diesem Bereich immer lohnender.“ Andererseits sieht Steinmetz auch neue Chancen durch die weitere Digitalisierung in der Produktion, Stichwort Industrie 4.0: „Neue Technologien können durchaus Menschen mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen dabei unterstützen, auch komplexere Aufgaben zu bewältigen. Wenn der Computer für mich rechnet, muss ich es nicht tun.“

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