Olsbrücken / Schneckenhausen RHEINPFALZ Plus Artikel Diese syrische Familie hat es geschafft: Von der Balkanroute auf die Meisterschule

Familie Hosari nimmt Helferin Andrea Gormann-Kaiser in die Mitte: (von links) Kinaz, Medya Jouma, Jinda, Deljin und Ahmad Hosari
Familie Hosari nimmt Helferin Andrea Gormann-Kaiser in die Mitte: (von links) Kinaz, Medya Jouma, Jinda, Deljin und Ahmad Hosari.

Eine kurdische Familie aus Syrien baut sich in der Westpfalz ein neues Leben auf. Nicht freiwillig, aber mit Unterstützung durch die „große Schwester“ aus Schneckenhausen.

Ahmad Hosari, seine Frau Medya Jouma und ihre Kinder Kinaz (18), Jinda (16) und Deljin (13) leben wie viele Westpfälzer: Der Vater geht zur Arbeit, die Kinder auf Gymnasien, aber was macht die Mutter? Sie ist eine Ausnahme, denn mit fast 40 hat sie gerade ihre Ausbildung zur Friseurin abgeschlossen und hat mittlerweile ihre ersten Tage auf der Meisterschule hinter sich gebracht. Ein beachtlicher Weg, den sie positiv beschreitet.

„Meine Arbeit ist mir immer eine Freude“, sagt sie lachend ohne zu verschweigen, dass sie auch mal zweifelt, ob sie die Meisterschule nun auch noch schafft. Wen wundert es? Sie und ihre Familie sind nicht von hier, die kriegerischen Übergriffe in ihrer syrischen Heimat hat die kurdische Familie vor zehn Jahren aus Afrin fliehen lassen. Freunde, Verwandte, die große elterliche Obstplantage mit über 700 Granatapfel-Pflanzen und auch der Schuhladen, den Ahmad Hosari über 23 Jahre erfolgreich führte – alles ließen sie hinter sich zurück.

Angst im „viel zu kleinen“ Schlauchboot

Über die Balkanroute ging es damals einer anderen „Welt“ entgegen. „Schlimm war das viel zu kleine Schlauchboot, auf dem über 40 Menschen saßen“, spricht Medya Jouma an, was wohl niemand selbst erleben will. Die Flucht durch mehrere Länder, das sei auch viel nächtliches Laufen durch die Wälder gewesen. Mit drei kleinen Kindern im Schlepptau war das eine riesige Herausforderung. Die eigene Angst zu verbergen und für die Kinder Zuversicht auszustrahlen, darin bestand die Aufgabe für Medya Jouma und Ahmad Hosari.

Angekommen in Trier, in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende, liegt der Krieg zwar hinter ihnen, leicht wird das Leben dennoch nicht. Wie auch? Formulare, ein Leben im Heim, eine fremde Kultur und eine Sprache die sie nicht sprechen und auch nicht verstehen, prasselt auf sie ein.

Erst als sie der Verbandsgemeinde Otterbach/Otterberg zugewiesen werden und eine Wohnung in Olsbrücken finden, kehrt Freude und Leichtigkeit in ihr Leben. Nicht gleich, aber es geht voran. Dazu trägt auch die Kontaktfreudigkeit von Ahmad Hosari bei. „Die Nachbarn in Olsbrücken haben sich untereinander nicht gegrüßt“, erzählt er mit einem verschmitzten Lachen. Er machte es anders, sein „Hallo“ war überall zu hören. Irgendwann kam etwas zurück. Mehr noch, die gesamte Nachbarschaft fand am Gartenzaun zusammen.

Die Sprache ist eine hohe Hürde

„Die deutsche Sprache zu lernen, das war schwer“, sagen sie. Aber sie haben gepaukt, wussten, nur über die Sprache gehen die Türen in der neuen Heimat auf. Kinaz, der die Klassenstufe 12 in der Bertha von Suttner IGS in Kaiserslautern besucht und genau weiß, dass er nach dem Abi Lehramt studieren will, sagt: „Deutsch verbindet mich mit meinen Freunden.“ Und es verbindet sie mit ihrer „Großen Schwester“, wie sie liebevoll Andrea Gormann-Kaiser nennen. Sie engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe der Verbandsgemeinde, unterrichtet sie anfangs in Deutsch, steht ihnen immer mehr auch in Situationen zur Seite, die selbst gestandene Pfälzer an Grenzen bringt: Amtliche Formulare und Formulierungen bei offiziellen Briefen. Die ehemalige Gewerkschaftssekretärin bei Verdi ist einfach da und hilft, wenn es sein muss, hilft auch, als die Wohnung in Olsbrücken verlassen werden muss, sucht und findet eine Wohnung in Kaiserslautern, in der die kurdische Familie nun lebt.

„Andrea ist immer gekommen“

„Egal wann, Andrea ist immer gekommen und hat geholfen“, sagt Ahmad Hosari. Aus einer Helferin ist inzwischen ein weiteres Familienmitglied geworden. Ahmad hat einen festen Job bei Amazon, fühlt sich dort wohl und hält seiner Frau zuhause den Rücken frei – für eine Ausbildung. „Ich war die Älteste in der Berufsschulklasse“, verwirklicht sich Medya Jouma mit Mut den Traum einer Ausbildung zur Friseurin. „Alle haben an mich geglaubt“, weiß sie ihre Familie hinter sich.

„Wir brauchen mehr mutige Menschen, die anderen eine Chance bieten“, ist Gormann-Kaiser vor allem den Menschen in den beiden Friseurgeschäften dankbar, in denen Medya Jouma die Lehre absolvieren konnte. Nun also die Meisterschule. Welch ein Weg.

Zittern um das Bleiberecht

Tochter Jinda, in Stufe 11 am Franziskus Gymnasium, hat auch einen Traum. „Ich will schon mein ganzes Leben Ärztin werden“, blickt sie nach vorne. Die Noten passen schon mal. Deljin ist auch bei den Franziskanerinnen, besucht Klasse 7 und möchte auch ihren Weg gehen. Wohl eher nicht zurück nach Afrin. „Wir können nicht zurück, es ist alles zerstört, mein Laden hat einfach ein anderer übernommen“, sagt der Familienvater und hofft, dass die Einbürgerungsgesuche bald für alle den deutschen Pass bereithalten und die Ungewissheit einer möglichen Abschiebung ein Ende hat.

„Es ist wie ein Tanz auf dem Vulkan“, sagt Gormann-Kaiser mit Blick auf das große Zittern um die Verlängerung des Bleiberechts. Im Zweijahresrhythmus steht das an. Auch sie hofft, dass die Einbürgerung für eine derart gut integrierte Familie bald geschafft ist.

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