Kreis Kaiserslautern
Die Kartoffel ist Giftpflanze des Jahres
Noch liegen die Frühkartoffeln nicht in der Erde, jedenfalls nicht in der Westpfalz. „Sie keimen vor, sind in einem guten Zustand“, berichtet Karl Gortner, Kartoffelbauer aus Lambsborn, davon, dass er normalerweise so zwischen dem 15. und 20. März seine ersten Kartoffeln raus auf den Acker bringt. Ob er auch in diesem Jahr in besagtem Zeitraum loslegen kann, wird das Wetter zeigen. Auf jeden Fall ist er gerüstet.
Kartoffel hoch im Kurs
Während die zukünftigen Frühkartoffeln also gerade im Hellen vor sich hin keimen, liegen im dunklen Lager noch die Winterkartoffeln. „Bei den mehligen Kartoffeln mussten wir ganz schöne Verluste hinnehmen“, hat sich bei Gortners bestätigt, was sich bereits mit der 2021er Ernte angekündigt hat. Allerdings liegen im Lager noch Kartoffeln der Sorten Marabel, Bernina, Laura und Belana, von der Gortner sagt: „Die wird mit jedem Tag besser.“ Somit ist der Kartoffelgenuss bis zur neuen Ernte, die um den 20. Juni in der Westpfalz beginnt, gesichert. In der Vorderpfalz – mit Folientunnel und dem klitzekleinen Klimavorsprung – kommen die Knollen bestimmt sogar ein paar Tage früher aus der Erde. Sofern das Wetter mitspielt.
Nicht nur in der Pfalz, sondern in ganz Deutschland steht die Kartoffel hoch im Kurs. Im zurückliegenden Wirtschaftsjahr ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Kartoffeln um zwei Kilogramm auf 59,4 Kilogramm gestiegen. Davon waren laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung satte 24,3 Kilogramm Speisefrischkartoffeln. Der Rest verteilt sich auf Chips und Kartoffelerzeugnisse. Der Trend nach oben ist eigentlich absehbar. Die „Grumbeer“ schmeckt halt.
Ein Nachtschattengewächs
Deshalb mutet es auf den ersten Blick nun doch ein wenig seltsam an, dass ausgerechnet solch ein Grundnahrungsmittel zur Giftpflanze des Jahres ausgerufen wird. Der Blick zurück in die Vergangenheit und vor allem in die Botanik der Kartoffel liefert allerdings eine einleuchtende Erklärung für diese Wahl.
Die Kartoffel gehört genau wie die Tomate, die Aubergine und die Paprika zu den Nachtschattengewächsen. Unreife Früchte und Blätter der allermeisten Nachtschattengewächse enthalten giftige Alkaloide, meist Solanin. Die Kartoffelknolle selbst kann durch Lagerung unter Lichteinwirkung auch giftig sein. Das wissen heute die Viele. Als die Kartoffel vor rund 400 Jahren aus den südamerikanischen Anden kommend ihren Einzug in Europa und auch bei uns hielt, war davon nichts bekannt. Die Kartoffel war zunächst weit davon entfernt, ein Grundnahrungsmittel zu sein. Die Pflanze mit der hübschen Blüte schmückte die Gärten des Adels. Gegessen wurde das Kraut, das wegen des Gifts natürlich nicht bekömmlich war, während die gesunde und sättigende Knolle unter der Erde blieb. Das ist lange her.
Grün verheißt Gefahr
Die Kartoffel ist natürlich auch heute noch mit der giftigen Abwehr, die sie vor Fressfeinden schützen soll, ausgestattet. Das beeinträchtigt den Wert als gesundes, sättigendes Lebensmittel allerdings in keiner Weise. Solange kein grüner Keim an der Kartoffel ist, solange die Kartoffel keine grünen Stellen aufweist, ist sie lecker und gesund wie eh und je. Daran ändert auch die Auszeichnung als Giftpflanze nichts.
„Die Kartoffel heilt alles, die muss giftig sein. Es ist wie immer eine Frage der Menge“, fasst es Kartoffelbauer Karl Gortner für sich zusammen. Aus seiner Erfahrung ist der Kartoffelschnaps – angewandt als Gurgellösung – zur Reinigung von Wunden ein wahres Wundermittel. Dass er auch schmeckt, sei eine andere Geschichte. „Die Kartoffelenzyme leisten hervorragende heilende Dienste“, berichtet der Landwirt zudem, dass seine Vorfahren mit Umschlägen aus rohen Kartoffeln so manches Leid zu kurieren wussten. Wenn derzeit die eine oder andere Kartoffel aus dem Vorjahr anfängt zu keimen, sei das überhaupt kein Problem. „Solange der Keim nicht grün ist, einfach abbrechen und die Kartoffel ganz normal verwenden“, sagt Karl Gortner.