Kottweiler-Schwanden
Alte Liebe rostet nicht: Der VW Käfer von Thomas Urschel
Von einem Augenblick auf den anderen sind die Erkennungszeichen des guten alten Käferhecks präsent. Der markante Kragen aus vielen Lüftungsschlitzchen unter der Heckscheibe und der halbovale, gewölbte Motorraumdeckel samt breiter Beleuchtungsnase für das Kennzeichen grüßen wie aus alter Zeit herüber. Genau wie damals wirken die Schlussleuchten des VW Käfers noch immer melancholisch, so wie sie auf tränensackähnlichen Stutzen aus den Kotflügeln herausschauen.
1981 in Miesenbach entdeckt
Fast ist alles wie früher, als der Automechaniker den Motor startet. Das keuchend-scheppernde und asthmatisch-luftziehende Laufgeräusch des Käfer-Triebwerkchens ist neben einer Art Auspuff-Duftmarke Teil des Lebensgefühls der frühen Jahre. Auch Thomas Urschel sieht das so, denn das sandfarbene, rundliche Auto ist das erste gewesen, das er schon mit 16 Jahren kennengelernt hat. Sein Vater, ein Baustoffhändler im Ort, hatte es 1981 in Miesenbach entdeckt. Ein nicht allzu schlimmer Frontschaden wurde von einem versierten Autobastler repariert. Mit neuen Kotflügeln ausgestattet, sei dieser Käfer dann sein erstes Auto geworden, erzählt Urschel. „Mit dem Führerschein war das damals noch viel einfacher als heute“, meint der Oldtimer-Fan. Wegen des väterlichen Betriebs und der beruflich erforderlichen Beweglichkeit habe er früher als andere die Fahrerlaubnis erhalten.
Ein Oldtimer-Lebensweg hat immer Höhen und Tiefen. Das muss nicht bedauert werden, denn ohne sie wäre ja das jahrzehntelange Ineinander-Wachsen mit der Biografie des Eigentümers gar nicht denkbar. „Bei der Ausfahrt an einer Tankstelle in Steinwenden habe ich 1985 ein Auto übersehen“, erzählt Urschel. Bei dem Unfall sei die Flanke des Käfers schwer beschädigt worden. „Das war eigentlich ein wirtschaftlicher Totalschaden, denn auch der Rahmen hatte etwas abbekommen.“ Das Verschrotten des Autos sei zwar erwogen worden, aber letztlich doch nicht in Frage gekommen, erklärt der Mann aus Kottweiler-Schwanden. Erstaunlicherweise habe es nämlich nirgendwo an der Käfer-Karosserie ein Rostfleckchen gegeben. Mit Hilfe des Fachmanns, der auch schon den früheren Frontschaden behoben hatte, habe das Auto wieder aufgearbeitet werden können. Zum Lackieren bereit sei es in die Garage gekommen. „Und dort stand es dann 30 Jahre lang“, resümiert Urschel trocken. Diese Standzeit habe die Familie erst im Jahr 2015 mit Hilfe eines Nachbarn beendet. „Zu meinem 50. Geburtstag wurde das Auto in einer Geheimaktion neu lackiert.“
Ganz penibel aufgeräumt
Für eine Weile hat der November-Himmel ein Einsehen, hellt sich kurz auf und setzt den feinen Lack in der Originalfarbe „Saharabeige“ glänzend in Szene. Mit einem eleganten Schwung lenkt der stolze Besitzer das historische Gefährt an die gegenüberliegende Straßenseite, wo es vor einem sanften Hügel mit üppigem Grün im Hintergrund äußerst vorteilhaft zur Wirkung kommt. „Regen würde ihm eigentlich nichts ausmachen“, sagt Urschel mit Blick auf die Wolkenlücken, „doch besser ist es ohne“. Ein metallisches Klacken begleitet das Entriegeln des Kofferraumdeckels und er schwingt auf. Mit dem Finger wird das Jahrzehnte alte Typenschild von ein wenig Patina befreit. Wie zum Beweis der Bemühungen um den originalgetreuen Zustand weist Urschel auf die deutlich lesbare Farbbezeichnung.
Aber nicht nur an diesem Detail wird deutlich, mit welcher inneren Anteilnahme das alte Auto hier sein Gnadenbrot verzehren darf. Der käfertypisch flache Kofferraum zeigt sich ganz penibel aufgeräumt. Einzig ein dekorativer Koffer aus der alten Zeit liegt reisebereit da. Ein dunkles Gelb ist die Grundfarbe. Dicht darin verteilte hellbraune Pünktchen ergeben einen Gesamteindruck, der kaum abweicht von der Lackfarbe des Käfers. Und wie es früher üblich war, sorgen zwei solide Lederriemen für den Zusammenhalt des stilechten Gepäckstücks.
Immer gemächlich
„Bewegt wird das Auto ja nicht so oft“, berichtet Urschel. Und wenn er eine Ausfahrt unternehme, dann sei das Tempo immer ganz gemächlich – wie es dem Charakter eines Fahrzeugs mit 40 PS eben entspreche. Nur ein einziges Mal habe er sich dazu hinreißen lassen, einen begleitenden leistungsstarken BMW-Oldtimer abzuhängen. „Gelungen ist das aber nur durch ein Täuschungsmanöver mit dem Blinker“, fügt Urschel lächelnd an. „Er ist dann falsch abgebogen.“