Kreis Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel 40 Jahre Grüne: In Kreis und Stadt Kaiserslautern sorgten die ersten Grünen-Politiker für Aufsehen

Stöbern gerne in Erinnerungen an die Anfangsjahre der Grünen: Franz-Josef Pfreundt und Frank Zimmermann (stehend) sowie Eike Hei
Stöbern gerne in Erinnerungen an die Anfangsjahre der Grünen: Franz-Josef Pfreundt und Frank Zimmermann (stehend) sowie Eike Heinicke, Birgit und Andreas Markus (jeweils von links).

Wenn Grüne der ersten Stunde von den Anfängen ihrer Partei in den 1980er Jahre erzählen, dann ist das bester Unterhaltungsstoff. Kein Wunder: Die Kämpfe für die Ideale fanden damals mehr auf der Straße und weniger in Gremien statt. Auch Grüne aus Kreis und Stadt Kaiserslautern gerieten mit Polizei und Militär aneinander.

Die Begeisterung ist nicht zu überhören. Bei den Erzählungen aus der guten alten rebellischen Zeit, als man in Nacht-und-Nebel-Aktionen wenn nicht die Welt, dann wenigstens die Stadt retten wollte – und dabei von der Polizei geschnappt wurde – wird so manche Erinnerung wach. Und so schwingt auch ein bisschen Wehmut mit, wenn Birgit und Andreas Markus aus Otterberg, Eike Heinicke aus Reichenbach-Steegen, Franz-Josef Pfreundt aus Stelzenberg und Frank Zimmermann aus Enkenbach-Alsenborn erzählen. Wehmut darüber, dass sich das Politik-Machen heute hauptsächlich auf die verbalen Auseinandersetzungen in den Rats- und anderen Sitzungen beschränkt. Dass heute alles in geordneten Bahnen verläuft und Dinge, die damals unerhört waren, heute selbstverständlich sind.

Das Thema Verkehr ist immer noch aktuell

Und dabei ist genau das das Verdienst der Grünen. Wegen eines Bartes wird heute wohl niemand mehr enterbt. Nichtraucher-Kneipen sind seit vielen Jahren Gesetz. Und wegen eines Flugzettels gegen Kernkraft wird wohl kaum jemand vom Chef hochkant aus dem Büro geworfen. Auch einen Radfahrstreifen braucht man heute nicht mehr nachts heimlich auf die Fahrbahn zu malen.

Oder doch? Das Thema Verkehr und vor allem Radfahren ist jedenfalls heute wie vor 40 Jahren, als sich die Partei „Die Grünen“ gründete, aktuell. Und aus Sicht der grünen Lokalpolitiker hat sich nicht sehr viel getan: Die Ablehnung eines Tempolimits auf Autobahnen ist für sie Beweis, dass das Auto immer noch „eine heilige Kuh und die Auto-Lobby extrem stark ist“, wie Birgit Markus sagt.

Und Zimmermann bestätigt: „Wenn ich im Rat beginne, über eine Tempo-30-Regelung zu sprechen, hört schon keiner mehr zu.“ Dabei zeigte die temporäre Begrenzung auf 100 Kilometer pro Stunde auf Autobahnen im Frühjahr 1974, als Folge der Ölkrise, dass die Unfallzahlen drastisch gesunken waren – wie von Zimmermann vorgelegte RHEINPFALZ-Artikel belegen.

Nachts einen Radweg aufgemalt – und erwischt worden

Dass man „für wenig Geld einen Radweg bauen kann“, wie Birgit Markus sagt, davon versuchten die Grünen 1981 die Stadt Kaiserslautern nicht nur mit Worten zu überzeugen. Damals ließen sie Taten sprechen. Und „so zogen wir im Mai 1981 los und malten in der Lutrinastraße mit Fassadenfarbe einen Radweg und Rad-Piktogramme mit Schablonen auf die Fahrbahn“. Das missfiel einem Bürger – und schon fand sich Markus mit zweien der Mitstreiter auf der Polizeiwache wieder. Ihre Vergehen: Sachbeschädigung, Amtsanmaßung – weil sie nicht berechtigt waren, einen Radweg anzulegen – und Verstoß gegen das Presserecht – weil kein V.i.S.d.P. auf dem Flugzettel angegeben war.

Andreas Markus und Franz-Josef Pfreundt, die damals noch in Kaiserslautern wohnten, waren 1984 zwei der drei ersten Grünen-Vertreter im Stadtrat. Auch in den Kreistag zog die junge Partei in jenem Jahr ein, mit zwei Vertretern. Nach dem Umzug nach Otterberg war Markus viele Jahre im Kreistag tätig und sitzt heute noch im VG- sowie mit seiner Frau zusammen im Stadtrat.

Im „grünen Haus“

Eike Heinicke, der damals noch in München wohnte, ist einer von Markus’ Nachfolgern im Kreistag. Frank Zimmermann zog nicht gleich 1984, sondern erst 1989 in den VG-Rat Enkenbach-Alsenborn ein und ist dort nach einer zehnjährigen Pause bis 2014 noch heute aktiv, wie derzeit auch im Ortsgemeinderat.

Während heute die Gremienarbeit ihr Hauptgeschäft ist, kämpften sie alle vor vier Jahrzehnten noch mit anderen – außerparlamentarischen – Mitteln. Keine WG, aber ein „grünes Haus“ war es, das Pfreundt und das Paar Markus mit Mitstreitern in der Stadt bewohnten. „Unten war eine Bierkneipe drin. Als die schloss, pachteten wir mit einer rund 15-köpfigen Gruppe die Kneipe und eröffneten die ,Wurzl’ – die erste Nichtraucherkneipe im Land!“, erzählt Birgit Markus begeistert. „Der Zusatz lautete: Bei uns rauchen nur die Köpfe“, schiebt ihr Mann hinterher. Es gab selbstgekochtes „Öko-Food“, Bio-Säfte von Demeter und Bioland, und das Bierfass wurde „mit dem Fahrradanhänger von BKK geholt“. „Da wir die Bio-Säfte zum Cola-Preis anboten, waren wir wohl die einzige Kneipe, die bei der Steuer immer erklären musste, dass sie keinen Pfennig Gewinn macht“, schmunzelt Markus.

Statt der Grünen waren eben schon die Hasenzüchter drin

Den Luxus, sich in einem eigenen Lokal treffen zu können, hatte Eike Heinicke in München nicht. Denn hier wie da wurden die Grünen damals noch schräg angeguckt. „Wenn wir einen Raum gemietet hatten und ankamen, hieß es oft: ,Oh, ist schon besetzt! Da sind die Hasenzüchter drin.’ Oder ähnlich.“

Der Mediziner war in einer Klinik beschäftigt und verteilte eines Tages Flugblätter gegen Kernkraft in die Fächer der Mitarbeiter. „Am nächsten morgen waren alle weg.“ Sein darauf angesprochener Chef, „der auf demselbem Weg öfter CSU-Blätter unter die Leute brachte, begründete das Entsorgen der Zettel damit, dass es politische Werbung sei. „Als ich darauf entgegnete: ,Das ist ja wie in der DDR!’, hat er mich gepackt und aus dem Büro geschmissen.“

Noch schärfere Begegnungen mit Obrigkeiten haben die Lauterer damals gemacht. „1983 gab es eine bundesweite Nato-Übung, bei der Behörden sich auf den atomaren Ernstfall vorbereiteten“, erzählt Birgit Markus. So auch das Lauterer Rathaus. Durch eine „unverschlossene Außentreppe“ gelangte eine Truppe grüner Rebellen in das Hochhaus und ließ vom Dach ein riesiges, über drei Stockwerke reichendes Transparent mit der Aufschrift „Atomkrieg verhindern, nicht einüben – Die Grünen“ herunter. Das Abenteuer endete mal wieder bei der Polizei, „aber wir wurden gleich wieder laufen gelassen“, berichten Birgit und Andreas Markus amüsiert.

Unerwarteter Glückwunsch fürs Plakat

Auf dem Land gab es weniger Möglichkeiten für derart öffentlichkeitswirksame Aktionen. Doch auch Frank Zimmermann fand seinen Weg der Auflehnung. „Ich war selbstständiger Kaufmann mit einem Eisenwarenhandel. Als ich ein grünes Plakat ins Fenster hing, tobte mein Vater.“ Die eigentliche Überraschung für ihn kam, „als ein älterer Mitbürger mich im Laden dafür beglückwünschte“. Das Grünen-Klientel in Stadt und Land unterschied sich durchaus: Während Zimmermann mit damals 32 Jahren schon zu den Älteren zählte, „fast alle waren unter 30“, gab es in der Stadt neben den Jungen auch Ältere, „schon zuvor Friedensbewegte“.

Aber auch aus heutiger Sicht völlig banale Dinge galten damals als Rebellion. „Als ich mit Bart aus dem Studium kam, bin ich zu Hause rausgeflogen“, erinnert sich Heinicke, Sohn eines strammen „Offiziers in zwei Weltkriegen“. Ähnlich erging es Markus: „Mein Vater drohte, als ich mit Bart kam: ,Wenn du den behältst, enterbe ich dich!’“ Seine Mutter und Schwestern hingegen haben „heimlich grün gewählt“. Auch Pfreundts Vater war ein „strenger CDUler“, während dort ebenso die Mutter, „die vom Bauernhof kam“, offener war.

Bei der Flugtag-Demo 1983 mit Kabelbindern auf den Lkw

Nicht nur optische Auflehnung, sondern inhaltlich ernst war der Grünen-Protest gegen Aufrüstung und Militär. Dass deren Demos gegen die Flugtage auf der Air Base Ramstein nicht unbegründet waren, zeigte sich erschreckend beim Flugtagunglück 1988, bei dem 70 Menschen starben. Auch die Demos dagegen waren wenig Spaß für die Demonstranten. „1983 hatten sich rund 200 Personen beim Flugtag auf dem Air-Base-Gelände hingelegt und mit Leinentüchern zugedeckt“, erinnert sich Birgit Markus. „Die amerikanische Polizei hat uns mit Kabelbindern die Hände zusammengebunden und auf einen Lkw geworfen.“ Ihr Mann kann nicht mehr genau sagen, ob ihm nicht auch die Beine zusammengebunden wurden. „Auf jeden Fall war jede Bewegung äußerst unangenehm und wir hatten Angst, von der Ladefläche zu fliegen“, erinnert sie sich. Die deutsche Polizei, an die sie übergeben wurden, ließ die Demonstranten dann laufen.

Mehr Spaß bedeutete da das Solar-Auto, das Heinicke mit Hilfe von Mechanikern gebaut hatte. Es durch den Tüv zu bekommen, war nicht ganz einfach, „aber schließlich bin ich sogar Rallyes damit gefahren“. Heinicke hatte auch gleich eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Haus, wie er erzählt, und Markus’ waren Pioniere bei der thermischen Warmwasser-Anlage auf dem Dach. Der konsequente Radfahrer und ITWM-Informatiker Pfreundt hat „das Energiekonzept für das Gebäude entworfen“. Dass das Thema Ökologie in jüngster Zeit stark an Bedeutung gewonnen hat, freut alle am Tisch. „Es gibt Hoffnung“, ist nicht allein Birgit Markus’ Schlussfolgerung.

x