Kreis Germersheim Wechselfieber gehört zum Alltag der Gemeinden nahe der Sümpfe
GERMERSHEIM. Die Stadt Germersheim zählte gerade einmal 2200 Einwohner, der gesamte Landkreis lediglich 47.500 Seelen. Zu dieser Zeit recherchierte der Speyerer Journalist und Herausgeber der „Neuen Speyerer Zeitung“, Georg Friedrich Kolb, zu Beginn der 1830er Jahre für seine „Statistisch topografische Schilderung von Rheinbayern“.
Den Kanton Germersheim – als den nördlichen Teil des heutigen Landkreises – beschrieb Kolb als „ganz eben, längs des Rheinstroms niedrig, den Überschwemmungen desselben ausgesetzt und meistens sehr sumpfig“ und zudem von einer Reihe dem Rhein zufließender Bachläufe durchzogen. Aufgrund der vielen, zumeist aus ehemaligen, zwischenzeitlich aber weitgehend verlandeten Altrheinarmen resultierenden „Sümpfe“ war das Klima nach Einschätzung Kolbs ungesund und Erkrankungen an „Wechselfieber“ ( Malaria) kamen in den nahe am Rhein gelegenen Gemeinden immer wieder vor. Ein hervorragendes positives Merkmal der Region war allerdings die Fruchtbarkeit des Bodens, die einen „vortrefflichen Anbau“ zuließ und gute Ernten an Getreide, Kartoffeln, Tabak, Hanf und Flachs ermöglichte. Auch Holz und Wein, wenn auch von geringer Qualität, gehörten damals zu den „bemerkenswerthesten“ Handelsgütern des Bezirks. Der Hauptort des Kantons und seit 1818 gleichzeitig Sitz des Landkommissariates (des heutigen Landkreises) war die Stadt Germersheim, die nach der Schilderung Kolbs und der damaligen räumlichen Ausdehnung auf einem Vorsprung des Hochufers am Rhein lag und im Norden und Osten von „Sümpfen umgeben“ war (gemeint war damit der sogenannte „Woog“, ein Morast, der sich in diesem Bereich um die damalige Stadt zog und erst mit dem Festungsbau trocken gelegt wurde). Als Kolb an seinem Buch schrieb, hatte das „Städtchen […] noch theilweise seine alten Mauern, denen die Franzosen im Revolutionskrieg eine regelmäßige Umwallung, jedoch nur im Erdeaufwurf beigefügt“ hatten, um die Queichlinie zu ergänzen. Diese bereits von den Revolutionsarmeen angelegten Erdwälle besserten die Alliierten (Bayern und Österreich) nach dem Sieg über Napoleon Bonaparte 1815 zunächst noch aus, bevor dann später die Entscheidung fiel, Germersheim im großen Stil zu einer modernen Festung auszubauen. Nach den Informationen, die der Speyerer Journalist zum damaligen Zeitpunkt einholen konnte, sollte die Baumaßnahme „Festung“ insgesamt 9 Millionen bayerischer Gulden Kosten. Angesichts dieses immensen Finanzaufwands vermutete Kolb, dass „die Ausführung wohl unterbleiben“ würde. Doch in diesem Punkt irrte sich der spätere Paulskirchen-Abgeordnete: Als im Jahr 1833 der zweite Band seines Werks (1831-1835) erschien, der die Beschreibung der Kantone Germersheim und Kandel umfasste, hatten die Vorbereitungen für den Festungsbau in Germersheim mit der Einrichtung der Festungsbaubehörde bereits konkrete Züge angenommen; im Sommer des Folgejahres wurde mit dem Aushub des Hauptgrabens begonnen und im Oktober 1834 feierte man mit großem Aufwand die Grundsteinlegung. Selbst für die Finanzierung der Wälle und Mauern hatte man eine Lösung in Form von 15 Millionen Francs gefunden, die als französische Kriegs-Kontributionsgelder in den Bau einfließen sollten. Welche Auswirkungen die über Jahrzehnte andauernde Bauarbeiten für die örtliche Bevölkerung haben würde, das konnte sich zum damaligen Zeitpunkt freilich kaum jemand vorstellen. Zu Beginn der 1830er Jahre zählte das Landstädtchen gerade einmal 266 Hauptgebäude (zuzüglich weiterer 163 Wirtschafts- und Nebengebäude). Die meisten der 2200 Einwohner verdienten ihren Lebensunterhalt als Fischer, in Handel und Handwerk sowie in der Landwirtschaft. An Wasserläufen ebenso reich wie der Kanton Germersheim, allerdings nicht ganz so fruchtbar, war nach der Beschreibung Kolbs der südlich gelegene Kanton Kandel. Das „Hauptprodukt“ des Kantons war zur damaligen Zeit der Holzreichtum des Bienwaldes, des „Mundatwaldes“ und anderer Waldbezirke. Außerdem wurden Getreide und Kartoffeln produziert, die Gemeinde Steinweiler war für ihren Flachs bekannt, die Rheinorte des Kantons für Hanf. Kandel, Hauptort und Namensgeber des Kantons, bestand nach der Schilderung Kolbs „fast blos aus einer Straße“ mit einer Ausdehnung von nahezu einer Stunde, wodurch sich auch die Bezeichnung „Langenkandel“ verfestigt hatte. Der Kantonsort zählte 3900 Einwohner (also schon fast doppelt so viele wie Germersheim, wo sich die Verwaltung des Landkommissariates befand) und verfügte über ein Friedensgericht und eine Postexpedition. Neben Jockgrim, das noch „Mauern und Thürme von Backsteinen“ der einstigen Befestigung aufwies, und Rheinzabern, wo Kolb eine „unerschöpfliche Fundgrube von Alterthümern“ feststellte, beschrieb er Rülzheim als „bedeutende Landgemeinde“ und erwähnte, dass Neuburg einst auf der rechten Seite des Rheins, nun aber – durch Verlagerungen des Flussbettes – auf dem linken Ufer lag. Auch die in der Antike angelegte Römerstraße, deren Reste zur Zeit der Entstehung der „Schilderung Rheinbayerns“ im Kanton Kandel „auf einer großen Strecke noch deutlich zu erkennen“ waren, fand ihre Erwähnung unter den Besonderheiten der Region. „Diese alte Straße“ so hielt Georg Friedrich Kolb in seinem Werk fest, „ist meistens einen Meter hoch, mehr oder weniger mit Holz bewachsen, und zieht von Lauterburg aus durch den ganzen Bienwald, ziemlich parallel mit der dermaligen Straße. Sie ist unter dem Namen ’Tumel’ ... hier bekannt“. |lh