Kreis Germersheim Wörth: Ein unkonventioneller Opa geht [mit Video]
Lehrer sind wie Zahnärzte: Man braucht sie, aber es kann unangenehm sein, ihnen ausgeliefert zu sein. Wenn alles vorbei ist, sind aber alle glücklich. Von diesem Spannungsverhältnis ist am Freitagvormittag im Europa-Gymnasium allerdings nichts zu spüren. Der langjährige Musiklehrer Knut Maurer hat heute seinen letzten Arbeitstag. Und weil er so viele Kollegen und Schüler begeistert hat, möchten sie sich gleich bei ihm bedanken. Und zwar auf ganz besondere Weise.
„Wir sind gespannt. Das ist fast schon ein Flashmob, so etwas kann man ja nicht üben“, sagt der stellvertretende Schulleiter Holger Hauptmann. Als Flashmob wird ein spontan wirkender Menschenauflauf bezeichnet. Organisiert wird so etwas normalerweise über das Internet oder Mobiltelefone. Die Überraschung ist in der Öffentlichkeit dann immer groß, weil sich die Meute ebenso schnell wieder in jenes Nichts verzieht, aus dem sie aufgetaucht ist. So überraschend soll es heute aber nur für eine Person werden. Offenbar ist es der Schulgemeinschaft tatsächlich gelungen, Maurer gegenüber wochenlang dicht zu halten. Gegen 11 Uhr hat ihn Schulleiterin Birgit Weisser unter einem Vorwand in ihr Büro im Erdgeschoss einbestellt. Nachdem sich draußen dann alle Schüler versammelt haben, wird über die Lautsprecher plötzlich die Melodie des Abba-Klassiker s „Thank you for the Music“ eingespielt werden. Rund 1300 junge Menschen sowie das Lehrerkollegium sollen dann dem geschätzten Pauker ein Abschiedslied singen. So ist der Plan. In der Turnhalle brüten die Abiturienten noch über den letzten schriftlichen Arbeiten ihrer Reifeprüfung, während es für alle anderen Schüler die Halbjahreszeugnisse gibt. Entsprechend entspannt ist unter ihnen die Stimmung. Die 18 Jahre alte Zeynep findet die besondere Verabschiedung des Musiklehrers absolut gerechtfertigt: „Er hat auf jeden Fall mehr gemacht, als als er eigentlich musste.“ Während ihre Freundin Eslem (17) das kommende Ständchen im Englischunterricht geübt hat, kennt Zeynep das Lied überhaupt nicht. „Ist das eigentlich ein bekanntes Lied? “, fragt sie Eslem. Auch für alle anderen, die man anspricht, ist die Ehrung absolut angemessen. Pascal (17) und Linus (16) verbinden mit ihm „die Figur, die das Ganze hier mit Musikfestivals und Weihnachtssingen geprägt hat.“ Für Linus ist Maurer „der beste Musiklehrer, den ich je hatte.“ Weitere Schüler heben hervor, dass die anderen Lehrer oft nur das „Mindeste“ machen würden und Maurer mit seinem Engagement eine „ganz besondere Person in der Schule“ gewesen sei. Irgendwann hat man von den Junges und Mädels eine große Auswahl jener positiver Attribute beisammen, die besonderen Menschen gerne zugeordnet werden. Von lustig oder freundlich über sympathisch bis zu hilfsbereit und noch viel mehr ist alles dabei. Sogar dass er ein Lehrer ist, der auf dem Gang im Vorübergehen freundlich grüßt, ist den Schülern eine Erwähnung wert. Das wichtigste Urteil kommt vielleicht von Ann-Sophie (18): „Herr Maurer ist es nicht egal, wie unser Abi ausfällt. Er kümmert sich.“ Kurz nach 11 ergießt sich ein nicht enden wollender Strom von Schülern aus dem Treppenhaus in den Schulhof. Maurer steht staunend da und kann es nicht richtig zuordnen. In wenigen Minuten beginnt die offizielle Verabschiedung des Kollegiums, aber was passiert jetzt? Ein Kollege wollte ihm noch seine Jacke bringen, doch er kommt einfach nicht bei. Schließlich packt ihn Birgit Weisser bei der Hand und führt ihn durch die Menschenmenge. Der Weg wird zum Triumphzug, es wird geklatscht, gejohlt und gepfiffen. Luftballone steigen in die Luft. Das gemeinsame Singen gelingt dann im allgemeinen Tumult nur kaum. Aber zumindest einmal ist der populäre Refrain deutlich und harmonisch zu vernehmen, ehe Maurer wieder zurück ins Schulhaus geht. Auf dem Weg schüttelt Maurer viele Schülerhände und muss sogar für ein Selfie posieren. Ein vielfaches „Tschüss Herr Maurer!“, „Schöne Rente, Herr Maurer!“ oder auch einige persönliche Grüße von Schülereltern, die auch schon bei ihm Unterricht hatten, werden übermittelt: „Einen schönen Gruß von meiner Mutter Simone Becker, geborene Hirth!“, richtet ein Schüler aus. Als es vorbei ist, zeigt sich Maurer gefasst. Nicht das berufliche Ende, aber die Herzlichkeit der Kinder lässt ihn ein wenig melancholisch werden. „Ich hatte für sie immer etwas papahaftes. Ein unkonventioneller Opa, so sehen sie mich“, sagt er .