Kreis Germersheim Vier Männer bauen zusammen ein Schmuckstück

Seit „Napoleons Zeiten“ in Familienbesitz.
Seit »Napoleons Zeiten« in Familienbesitz.

«Kandel.» „Kandels Straßenbild wird beherrscht von einer Fülle meist zweigeschossiger Fachwerkhäuser.“ Dieser Satz steht in einem 1937 erschienen Buch, in dem die Kunstdenkmäler der Pfalz beschrieben wurden. Auch heute noch prägen Fachwerkhäuser das Ortsbild. Eines der schönsten Kandeler Fachwerkhäuser, das Haus mit der Nummer 5 in der Turmstraße, ist in diesem Jahr 300 Jahre alt geworden.

Errichtet wurde das Haus, wie man der Inschrift an einem Eckpfeiler entnehmen kann, vom Schultheiß Sigmund Guttenbacher, vom Anwalt Johann Peter Brunner, vom Bäcker und Kirchenältesten Johann Georg Staup und vom Kirchencensor und Zeitbürgermeister Johann Georg Schmuckel. Früher wurde gemunkelt, dass auch eine Anna Brunner am Bau des Hauses beteiligt gewesen sei. Nachweisen lässt sich das jedoch nicht, wenn auch 1717 eine Frau dieses Namens in Kandel gelebt hat. Aus der Hausinschrift kann man auch herauslesen, dass die Bauherren das Haus nicht für sich selbst sondern für die „gemeinde CANDEL“ errichten ließen, und zwar an einer Stelle, an der ein Haus in den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs abgebrannt war. In einem erhalten gebliebenen „Sal- und Lagerbuch“ wird das Haus wie folgt beschrieben: „Der Gemeinde Candell – Item Haus, Hof, Schewer oberseith Hanns Georg Roth, niederseith die Kirchgass, stoßet vorne auff voriges und hinten auf einen gemeinen Fusspfad“. Mit dem „voriges“ war die Turmstraße gemeint, die damals noch „Totengasse“ hieß, weil sie zum Friedhof führte, der am Kirchturm begann. 1842 diente das Haus, das im Besitz der Steuergemeinde Kandel war, dem jeweiligen katholischen Lehrer als Wohnung. Beschrieben wurde das Anwesen so: „Mittelkandel, Feldseite, Wohnhaus, Scheuer mit Stall, 3 Schweineställe und Hof-raum.“ Will man die spätere Geschichte des Hauses Turmstraße 5 verstehen, muss man auch die des Hauses Am Plätzel 1 kennen. Es ist dies das querstehende Haus, in dem heute die Volkshochschule Kandel Kurse abhält. Das Haus gehörte der Familie Biederwolf, die dort „seit Napoleons Zeiten“ eine Schreinerei betrieb. In den 1930er-Jahren überträgt Philipp Biederwolf das Haus gegen eine größere Zahlung an den Schreinermeister Egid Pirzer, der mit Elisabeth geborene Biederwolf verheiratet war. Pirzer hatte 1930 mit dem Kandeler Bürgermeister Stephan Habersberger einen „Glöcknervertrag“ abgeschlossen. Er verpflichtete sich, „die Turmuhr zu erhalten, sie aufzuziehen, die Glockenpfanne mit gutem Schweineschmalz einzuschmieren, die Glockenseile zu unterhalten und das Polizeigeläute zu besorgen“. Selbstverständlich wohnte Egid Pirzer mit seiner Frau im Haus am Plätzel, wo er auch seine Werkstatt hatte. Doch 1938 sollten sie das Anwesen verlassen. Bürgermeister Fritz Multer wolle nämlich das Anwesen und das angrenzende Denkmal mit dem „Kandeler Löwen“ abreißen lassen um den „Ritter von Epp-Platz“, so wurde damals das Plätzel genannt, als Aufmarschplatz für SA, SS, HJ, aber auch für Militär nutzen zu können. Zu dem Abriss ist es zwar nie gekommen, doch Pirzer und seine Ehefrau mussten das Anwesen Am Plätzel 1 mit dem Turmstraße 5 tauschen und wurden als neue Eigentümer ins Grundbuch eingetragen. Doch da die Stadt dort vorher nicht eingetragen war, gab es Schwierigkeiten. So erhob 1938 die Katholische Kirche Anspruch auf das Haus. Wohl in der Annahme, es sei ihr Eigentum weil ja schon die katholischen Lehrer dort gewohnt hatten. Die Klage der Kirche wurde zwar abgewiesen, doch 1948 wurde sie erneut erhoben und erst nach nervenaufreibenden zwei Jahren war die Sache geklärt. Egid Pirzer blieb Eigentümer, doch der Boden auf dem Haus steht, gehörte früher einmal zum Kirchengut. 1939, noch vor Kriegsausbruch, wurde an das Haus eine Werkstatt mit Lagerplatz angebaut. Weitere Änderungen konnten nicht vorgenommen werden, da das Haus 1942 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Dazu ist anzumerken, dass es schon 1937 zu den anerkannten Kunstdenkmäler der damals noch bayerischen Pfalz zählte. Besitzerin des Hauses ist heute die Enkeltochter von Pirzer und dessen Urenkel wohnt dort. Und wenn der auch nicht den Namen Pirzer führt wird das An-wesen in Kandel immer noch „Pirzerhaus“ genannt.

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