Wörth
Typisierungsaktion: Schüler wollen Leben retten
„Es ist ein tolles Gefühl, einem anderen Menschen geholfen zu haben, ihm wahrscheinlich das Leben gerettet zu haben – und das mit wenig Aufwand“, sagt Erik Hoffmann. Ende 2020 hat er Stammzellen gespendet, auf die ein an Leukämie Erkrankter sehnsüchtig gewartet hat. Im Jahr 2018, als er die 12. Jahrgangsstufe des Europa-Gymnasiums in Wörth besuchte, hat er sich bei der DKMS, ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei, registrieren lassen. Es war damals die erste Registrierungsaktion im Europa-Gymnasium.
Auch an diesem Freitagvormittag wird in der Oberstufe der Schule wieder nach potenziellen Lebensrettern gesucht. In Frage kommen nur Oberstufenschüler, denn man muss mindestens 17 Jahre sein, um in die Datenbank der DKMS aufgenommen werden zu können. Rund 480 Schülerinnen und Schüler besuchen in Wörth die Jahrgangsstufen 11 bis 13. Kurz nachdem die Schulglocke zum ersten Mal geläutet hat, sind die Elftklässler dran. Sie sind mit Abstand die kleinste Gruppe, denn noch nicht alle in dieser Jahrgangsstufe haben das 17. Lebensjahr vollendet. Zunächst gibt es einen rund 40-minütigen Infovortrag von der DKMS, dann wird Erik Hoffmann von seinen Erfahrungen berichten, um vielleicht auch noch den letzten Zweifler zu überzeugen. Dann können die Schüler eine Speichelprobe abgeben und sich registrieren lassen – natürlich geht das nur freiwillig.
Erste Registrierungsaktion im Jahr 2018
„Fast alle Schüler nehmen das Angebot an“, stellt Laura d’Aguiar zufrieden fest. Sie ist Lehrerin für Deutsch und Englisch und hat zusammen mit ihrem Kollegen Thorsten Heinzler die Registrierungsaktion organisiert – zum inzwischen dritten Mal. 2017 kam Laura d’Aguiar ans Europa-Gymnasium. Sie hatte sich bereits als Studentin als Stammzellenspenderin registrieren lassen. Als sie erfuhr, dass Heinzler, der nicht nur Mathematik, Physik und Naturwissenschaften unterrichtet, sondern auch den Schulsanitätsdienst leitet, eine Typisierungsaktion organisieren wollte, war sie von der Idee sofort begeistert.
2018 gab es die Premiere, 2020 die zweite Auflage und nun die dritte. Alle zwei Jahre reicht. So werden alle Oberstufenschüler mindestens einmal über Leukämie und die Heilungschancen durch eine Stammzellentransplantation informiert. „In den Sommerferien haben wir erfahren, dass aus unseren zwei Aktionen bereits drei Spender hervorgegangen sind und somit bestenfalls drei Leben gerettet werden konnten“, sagt Laura d’Aguiar, die regelmäßig von der DKMS informiert wird. Dass bereits drei Schüler beziehungsweise Ehemalige zu Stammzellenspendern geworden sind, ist tatsächlich viel. Denn die Wahrscheinlichkeit, nach einer Registrierung innerhalb der folgenden zehn Jahren zum Stammzellenspender zu werden, liegt bei weniger als 1,5 Prozent.
Stammzellenspende in Tübingen
Deshalb war Erik Hoffmann, der aus Kandel stammt und inzwischen ein Duales Studium in Mechatronik in Karlsruhe aufgenommen hat, auch durchaus überrascht, als er im Oktober 2020 eine Mail von der DKMS erhielt. Er habe einen genetischen Zwilling, der dringend auf eine Stammzellenspende angewiesen sei. In den folgenden Tagen bekam er ein Blutspende-Set zugeschickt, mit dem er zu seinem Hausarzt ging. Seine Blutprobe wurde in ein Labor geschickt. „Dort wurde festgestellt, dass meine DNA tatsächlich zum Empfänger passt“, erzählt der 21-Jährige.
Im November fuhr er dann nach Tübingen, wo die DKMS ihren Sitz hat. Dort wurde er zunächst eingehend untersucht, bevor er spenden durfte. Grundsätzlich gibt es zwei Methoden der Stammzellgewinnung, die Knochenmarkentnahme und die periphere Blutstammzellspende. Die Ergebnisse beider Methoden sind identisch, aber der Spender hat kein Mitspracherecht beim Entnahmeverfahren. „Das entscheiden die Ärzte des Empfängers, es kommt auf dessen gesundheitliche Verfassung an“, erzählt Hoffmann. Zumeist wird die Periphere Blutstammzellspende gewählt, was für den Spender die wesentlich angenehmere Methode ist.
Der Empfänger kommt aus den USA
So war es auch bei Hoffmann. Ihm wurden zwei Venenkatheter an seine Arme gelegt, dann wurde er an eine sogenannte Apheresemaschine angeschlossen. Das Blut wurde aus einem Arm entnommen, dann wurde es zentrifugiert, um die Stammzellen herauszufiltern. Dann wurde das Blut in den anderen Arm zurückgeführt. Etwa fünf Stunden war Hoffmann in der Klinik. Er musste noch einige Zeit warten, bis die Ärzte sich sicher waren, dass er alles gut überstanden hatte. Am Abend war er wieder daheim. „Das lief alles völlig problemlos“, bestätigt Hoffmann. Auf die DKMS-Datenbank kann weltweit zurückgegriffen werden. Normalerweise lernen sich Spender und Empfänger nie kennen. Erik Hoffmann weiß, dass er einem 50- bis 60-jährigen Amerikaner Stammzellen gespendet hat. „Im Sommer habe ich von der DKMS eine Mail bekommen, in der sie mir mitgeteilt haben, dass es ihm gut geht“, erzählt Hoffmann.
Inzwischen haben sich fast alle Zwölftklässler registrieren lassen. Dafür müssen sie nur eine Speichelprobe abgeben. Zum Dank gibt’s einen Schokokuss. Die Registrierungsstelle ist in der Mensa aufgebaut, Schulsanitäter und Schülervertreter übernehmen die Organisation und schauen, dass die Proben auch richtig genommen werden.
Ein Jahr als Volunteer für die DKMS unterwegs
Nun ist noch die 13. Jahrgangsstufe dran, fast 170 Schüler sind das. Langsam füllt sich der Medienraum im Keller, in dem Franziska Wengner von der DKMS zum dritten Mal an diesem Morgen ihren Infovortrag hält. Die 25-Jährige ist dafür extra aus Gießen angereist, wo sie Lebensmittelchemie studiert. Sie ist ein sogenannter Volunteer, das heißt: Sie reist ehrenamtlich durch die Lande und wirbt für die Stammzellenspende. Sich bei der DKMS zu engagieren, ist ihr ein persönliches Anliegen. „Mein Mutter war an Leukämie erkrankt, ihr hat eine Stammzellenspende das Leben gerettet“, sagt Wengner. Sie selbst ist natürlich auch registriert. Fit gemacht für Aufgabe wurde sie bei zwei Workshops, bei denen die Volunteers aus ganz Deutschland zusammenkommen. Ein Jahr informiert sie nun in Schulen oder Firmen. „Man kann nur ein Jahr als Volunteer tätig sein, länger erlaubt die DKMS nicht“, erzählt Franziska Wengner. Warum das so ist, weiß sie nicht. „Vielleicht, weil man so richtig motiviert ist, es nicht zur Routine wird“, vermutet sie. Diese Gefahr bestünde bei ihr wohl nicht. Ebenso wenig wie bei Laura d’Aguiar und Thorsten Heinzler, die in zwei Jahren wieder zu einer Registrierungsaktion aufrufen wollen.