Kandel
Experte: Tornados sind gar nicht so selten
Auf dem Video von Sebastian Geißert ist erst das Prasseln von Regen zu hören. Man sieht, wie von einer Gewitterböe mitgerissene Ackerfolie in der Luft schwebt. Dann plötzlich wird Sand aufgewirbelt, dreht sich entgegen des Uhrzeigersinns und eine weitere Plane wird hochgerissen, nach oben getragen und berührt dabei Stromleitungen, so dass es zu einer Entladung und einem Lichtblitz kommt. Die Folie verschwindet aus dem Sichtfeld. So schnell die Windhose entstanden ist, so schnell ist sie verschwunden. Nicht ungewöhnlich, wie Wolfgang Lähne, promovierter Klimageograph von Klima-Palatina sagt.
Wie entstehen Tornados?
In der Regel entstehen Windhosen oder Tornados, was Lähne zufolge dasselbe ist, durch aufeinander treffende unterschiedliche Luftschichten. Am Boden ist feucht-warme Luft, die aufsteigt und auf trocken-kalte Luft trifft, die absinkt. Meist entsteht dadurch eine große Gewitterzelle. Eine weitere Voraussetzung ist, dass es eine vertikale Windscherung gibt, also am Boden eine andere Windgeschwindigkeit und eine andere Windrichtung vorherrschen, wie in der Höhe. Diese vertikale Windscherungen bringen die aufsteigende warme Luft zum Rotieren. Je mehr Luft aufsteigt, je schneller sie sich dreht, desto stärker ist der Sog und damit die Kraft des Tornados.
Eine weitere Möglichkeit für die Entstehung einer Windhose ist, wenn bodennahe Winde aus verschiedenen Richtungen an einer Linie „horizontal aufeinandertreffen“, sagt Lähne. Aber auch hier müssen feucht-warme Luft unten und trocken-kalte Luft in oberen Luftschichten vorhanden sein. Dies kennt man „von starken Gewittern im Sommer“, ergänzt Lähne.
Gibt es hier viele Tornados?
„Tornados kommen häufiger vor, als man denkt“, sagt der Klimageograph. Sie müssten eben nur dokumentiert werden – „wie im Fall von Kandel“ am Dienstagmittag. Günstig für Tornados seien weite, eben Flächen wie es sie in Norddeutschland gebe. Dort komme es sicherlich häufiger zu Windhosen als in Süddeutschland. Doch auch hier können Tornados zerstörerische Kräfte entwickeln. Meist seien es jedoch kleinere Tornados wie in Kandel. Dieser soll ein F0 Tornado mit einer Windgeschwindigkeit von 63 bis 117 Stundenkilometern gewesen sein. FO ist die Bezeichnung nach der Fujita-Skala, benannt nach einem Tornadoforscher aus den USA. In dieser genannten Kategorie kann es leichte Schäden geben. unter anderem brechen Äste ab, Plakatwände werden umgeworfen. „Ich denke, es war eher einer im unteren F0 Bereich“, lautet Lähnes Einschätzung. Diese Art der Tornados entstehe schnell und löse sich auch schnell wieder auf.
Zerstörerische Tornados?
Wolfgang Lähne verweist auf die Frage nach Tornados mit zerstörerischer Wirkung auf eine Beobachtung aus dem Jahr 1845, die von Naturforscher und Paleoklimatologen Karl Friedrich Schimper festgehalten worden war. Der gebürtige Mannheimer hat 1845 einen zerstörerischen Tornado beschrieben, „der eine Schneise von Karlsruhe bis Reilingen geschlagen hat“, sagt Lähne. 1968 habe es in Pforzheim einen Tornado mit 50 Millionen Mark Sachschaden gegeben. Glimpflicher kamen die Hördter davon: Am 24. August 2004 verursachte ein Mini-Tornado innerhalb von 30 Sekunden einen Sachschaden von mehreren Hunderttausend Euro im Dorf. Dächer wurden abgedeckt und Bäume fielen im Ort um. Auch damals war das Aufeinanderprallen von kalten und schwülwarmen Luftmassen Ursache für die Entstehung. Nach der Fujita-Skala war das wahrscheinlich ein Tornado der Klasse F1 (117 bis 180 Stundenkilometer). Doch auch er verschwand in kürzester Zeit.
Zukünftig mehr Tornados?
Eine genaue Zahl, wie viele dieser Tornados mit umherfliegenden Ziegeln und entwurzelter Bäume es in der Region gibt, ist nicht bekannt. Lähne schätzt, dass es vorkommen kann, dass so ein Tornado einmal im Jahr hier entsteht. Doch habe es das schon immer gegeben. Im Sommer werden Windhosen vielleicht künftig sogar seltener, weil wir in der Region in den vergangenen Jahren häufiger trockenere Sommer hatten.