Knittelsheim / Bornheim
Storch stirbt vor laufender Kamera
Es hat fast etwas von einem Krimi: Tod vor laufender Kamera. Nur dass es hier nicht um einen Menschen, sondern um einen im April in Knittelsheim geschlüpften Jungstorch geht. Er ist zwischen Freitag und Samstag in seinem kameraüberwachten Nest auf dem Dach einer Scheune im Kätzeldorf in der Kirchstraße verendet. Die Kamerabilder sind rund um die Uhr im Internet zu sehen. Scheunenbesitzer und Storchenfreund Peter Waldecker erzählt, dass er am Freitagabend noch nach dem Tier gesehen hat. „Da hat er noch gelebt.“ Am Samstagmorgen habe er einen Anruf erhalten. Eine Frau habe unter Verweis auf die Bilder im Internet mitgeteilt, dass der Storch tot ist. Die Kamera habe den etwa 45-minütigen Todeskampf des Tieres aufgezeichnet. Es hat laut Waldecker daraufhin einige Reaktionen gegeben.
Mit einem Nachbarn zusammen habe er das tote Tier, eins von 31, „die anderen sind inzwischen weg“, vom Dach geholt. Sein Magen sei hart gewesen. Sie hätten den Bauch „nur leicht angeritzt, da ist es schon rausgequollen“. Herausgequollen seien 312 Gummiringe, die etwa 300 Gramm auf die Waage bringen. Eingesetzt werde das Material, das der Storch vermutlich auf den umliegenden Feldern gefressen habe, in der Landwirtschaft zum Bündeln von Gemüse, Radieschen und Zwiebeln beispielsweise. „Der Storch hatte keine Chance“, urteilt Waldecker im Nachhinein.
Weitere Fälle
Er weiß, dass es auch andernorts immer wieder vorkommt, dass Gummiringe den im Akkord arbeitenden Erntehelfern aus der Hand fallen und aus Zeitgründen liegen bleiben. Die Störche hielten sie für Würmer und pickten sie auf. Altstörche könnten die Gummiringe herauswürgen. Einen solchen Fall habe er vor drei Jahren gehabt, da habe ein Storch rund 250 Gramm Gummibänder erbrochen. Jungstörche hingegen hätten diesen Reflex noch nicht ausgebildet und gingen deshalb zugrunde. Waldecker berichtet, dass es vor Kurzem auch in Bornheim, wo die „Aktion Pfalzstorch“ ihren Sitz hat, zu mehreren solchen Fällen gekommen sein soll.
Der Ottersheimer Pirmin Hilsendegen, Vorstandsmitglied der „Aktion Pfalzstorch“, bestätigt auf Anfrage die Aussage. Er spricht von etwa einer Handvoll Fälle. Wobei das nur für die gelte, die vor Ort festgestellt werden könnten und die Todesursache ermittelt wird. Wenn die Zugvögel allerdings unterwegs auf ihrer Reise verenden ... Folglich geht Hilsendegen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Nach seiner Aussage sind die Todesfälle bei den Störchen „nichts ganz Neues, es scheint sich aber zu verstärken. Vielleicht wird mehr auf diese Weise gebündelt“. Da ein Jungtier die unverdaulichen Gummibänder nicht herauswürgen könne, fülle sich allmählich sein Magen. Irgendwann verhungere es dann mit vollem Magen.
Bauern und Winzer sensibilisieren
Um diesem Missstand zu begegnen, stehe die Aktion Pfalzstorch seit mehreren Jahren in Kontakt mit Bauern und Winzern sowie dem Bauern- und Winzerverband, berichtet Hilsendegen. Diese möchte man im Hinblick auf die Problematik sensibilisieren, damit sie sich um einen sorgsameren Umgang mit den Gummibändern bemühen; es soll erreicht werden, dass keine Gummibänder auf den Feldern zurückbleiben. Zudem habe man Naturschutzverbände mit ins Boot geholt.
Hilsendegen verweist auf einen Bericht auf der Internetseite der „Aktion Pfalzstorch“, wonach sich mittlerweile in jedem dritten Storch der im rheinland-pfälzischen Storchenzentrum untersucht wird, Plastikmüll findet. In dem von Hilsendegen angesprochenen Bericht heißt es dazu: „Neben diesen Eintragungswegen spielt auch das Unterpflügen von gebündelten oder teilverpackten Rückläufern und Restbeständen eine Rolle. Immer wieder werden bei der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (GNOR) und im Rheinland-Pfälzischen Storchenzentrum Felder gemeldet, auf denen gebündelte Radieschen und Frühlingszwiebeln, verpackte Salate oder gar Restmüllbestände ausgebracht und untergepflügt wurden. Hiervon werden Käfer, Insekten und kleine Säugetiere angezogen, die wiederum Störche anlocken. Somit erschließt sich der Weg in die Nahrungskette des Storches.“
Plastikmüll in Nestern
Hinzu kommt laut Bericht, dass sich Gummiringe und Kunststoffteile zunehmend auch in den Storchennestern finden. Folienstücke, Ackerfolie zum Beispiel, führten zu Staunässe in den Nestern und manchmal zum Verlust von Gelegen und Jungvögeln. In Kunststoffschnüren wie sie manche Winzer verwendeten und die als Nistmaterial dienten, „verheddern sich immer wieder Jungvögel. Sie erleiden Einschnürungen an den Beinen und müssen nach der Befreiung meist wegen irreparabler Gewebeschädigungen eingeschläfert werden.“