Kreis Germersheim Schwerkranke sollen zuhause sterben können
Seit Anfang des Monats bietet das Palliativnetz Süd- und Vorderpfalz eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) an. Annette Becker-Annen, zuständig für Leitung und Koordination des Palliativnetzes, und Dr. Klaus Lander, ärztlicher Leiter, erläutern im Gespräch mit der RHEINPFALZ anhand der fiktiven Krankengeschichte von „Paul“ die Arbeit des SAPV-Care-Teams (Care = Pflege). „Bei allem, was wir tun, steht der Mensch im Fokus“, betont Annette Becker-Annen.
Paul, 47, war wegen eines nicht mehr heilbaren Lungenleidens mehrmals in Reha-Einrichtungen und immer wieder im Krankenhaus, zuletzt oft als Notfallpatient und auf der Intensivstation. Paul ist einer der umgangssprachlich so genannten Drehtürpatienten. Er und seine Frau Helga wissen inzwischen, dass es keine Aussicht auf Heilung mehr gibt, dass seine Lebenszeit begrenzt ist. Paul hat genug von Kliniken, er will den Rest seines Lebens zu Hause sein und – wenn es soweit ist – auch dort sterben. Das hat er auch seinem Hausarzt gesagt, der ihm SAPV verordnet hat. Gleich am nächsten Tag vereinbart Helga mit dem SAPV-Team ein erstes Gespräch bei sich zuhause. „Wir wollen sehen, wie der Patient lebt, wie die räumlichen Gegebenheiten sind, wie das persönliche Umfeld des Patienten ist“, begründet Becker-Annen den Hausbesuch. Klaus Lander ergänzt: „Es ist ganz wichtig, dass die Angehörigen dabei bleiben, in den Prozess mit eingebunden sind.“ Zur Vorbereitung auf das erste Gespräch hat Paul sich einverstanden erklärt, dass der Hausarzt, mit dem das SAPV-Care-Team eine „Kooperation auf Augenhöhe“ anstrebt, medizinische Unterlagen weitergeben darf. Zum Aufnahmegespräch bringen Becker-Annen und Lander nicht nur viel Zeit mit. Neben einer medizinischen Ausrüstung haben sie auch einen „Bauchladen“ mit vielen Angeboten dabei, um die Situation für Paul und seine Familie zu erleichtern: Wie kann das Leiden, die „Symptomlast“ gemindert, die Lebensqualität verbessert werden und welche Möglichkeiten gibt es, medizinische Krisen zu bewältigen sind zentrale Fragen. Auch Helga ist erleichtert, war sie doch oft an ihren psychischen und physischen Grenzen angelangt. Wassereinlagerungen erschweren Paul das Atmen. Der SAPV-Arzt macht vor Ort eine Sonographie, punktiert Paul und verschafft ihm Linderung, außerdem verordnet er Paul Lymphdrainagen. Das SAPV-Care-Team sorgt auch für ein Sauerstoffgerät, das Paul bei Bedarf zuhause nutzen kann. Der Palliativmediziner stellt auch Medikamente um und die Dosierung. Paul ist froh, dass er statt sieben nur noch drei Tabletten schlucken muss. „Wir tun das, was gut tut, sei es auch nur für einen kurzen Moment“, fasst Becker-Annen zusammen. Paul und Helga haben zwei Kinder: Die Tochter (20) hat gerade ihr Studium begonnen, der Sohn (15) geht noch zur Schule. Im ersten Gespräch erfahren die SAPV-Care-Kräfte, dass die Kinder noch nicht wissen, dass ihr Vater bald sterben wird. Auch für dieses Gespräch bietet das SAPV-Care-Team Unterstützung an, sorgt gegebenenfalls für psychologische Betreuung und auch für sozialrechtliche Betreuung über den Pflegestützpunkt. Das SAPV-Team kann weitere Hilfen für Paul und seine Familie entwickeln und alle Möglichkeiten medizinisch-pflegerischer Unterstützung ausnutzen, um Paul seine verbleibende Zeit zu Hause zu erleichtern. Sehr wichtig sei dem SAPV-Care-Team die frühzeitige „vorausschauende Notfallplanung“, betont Klaus Lander. „Wir bereiten die Patienten und Angehörigen darauf vor, was noch kommen kann.“ Dabei würden Sterben und Tod nicht ausgenommen. Aktuell leidet Paul immer wieder unter heftigen Asthmaanfällen und hat dann Angst, zu ersticken. Helga hat in solchen Situationen stets den Notarzt alarmiert, was einen weiteren Klinikaufenthalt zur Folge hatte. Nun werden beide intensiv auf mögliche Krisen vorbereitet, in Nutzung von Notfallmedikamenten und -maßnahmen eingewiesen und auch informiert, was sie schon frühzeitig tun können, damit es gar nicht erst zu solchen Situationen kommt. Helga ist erleichtert. Jetzt weiß sie, wie sie ihrem Mann helfen kann und muss nicht mehr tatenlos zusehen. Paul und Helga erhalten außerdem eine Notfallnummer, unter der das SAPV-Care-Team rund um die Uhr erreichbar ist. Im Regelfall wird Paul immer vom gleichen Team besucht und betreut. „Der Wunsch des Patienten steht im Mittelpunkt der Arbeit, sagt Becker-Annen. „Alles kann, nichts muss“, laute die Prämisse.