Kreis Germersheim Schockanrufe: Bei Anruf Betrug

Bei Anrufen vermeintlicher Verwandter, die Hilfe benötigen, niemals unter Druck setzen lassen.
Bei Anrufen vermeintlicher Verwandter, die Hilfe benötigen, niemals unter Druck setzen lassen.

In der vergangenen Wochen warnte die Polizei verstärkt vor Schockanrufen und anderen telefonischen Betrugsversuchen. Obwohl das Phänomen seit Jahren bekannt ist, gelingt es den Gruppen regelmäßig Beute zu machen. Wie schaffen die das?

Das Telefon klingelt und am anderen Ende der Leitung berichtet ein Polizeibeamter von einem Einbruch in der Nachbarschaft. Die Polizei habe glücklicherweise einen der Täter gefasst. Bei ihm sei aber ein Zettel mit Adressen gefunden worden. Eine davon sei die des Telefonanschlusses. Es gelte jetzt schnell zu reagieren und das eigene Hab und Gut zu sichern. Die Polizei würde dafür einen Beamten in Zivil vorbeischicken, der Geld und andere Wertgegenstände abholen und präventiv vor der Einbrecherbande schützen würde. Doch hinter diesem Anruf steckt eine andere Gruppe, die mit Schockanrufen aus der Panik der Angerufenen Beute machen will.

Mehr Beute gemacht

„Das Phänomen gibt es schon mehrere Jahre“, sagt Cesar Bolut, Polizeihauptkommissar bei der Polizei in Wörth. Regelmäßig warnt die Polizei vor den Betrugsversuchen. Trotzdem haben die Täter immer wieder Erfolg. Innerhalb des Polizeipräsidiums Rheinpfalz wurden allein im vergangen Jahr 3000 Fälle dieses Telefonbetrugs bekannt. In 270 Fällen waren die Täter erfolgreich. Insgesamt sei ein Schaden von 2,3 Millionen Euro entstanden. In ganz Rheinland-Pfalz erbeuteten die Telefonbetrüger 2022 über 10 Millionen Euro. Das sind fast sechs Millionen mehr als im Jahr zuvor, heißt es auf Anfrage vom Polizeipräsidium Rheinpfalz.

Die Anrufer versuchen sich am Telefon als Vertrauenspersonen, Polizeibeamte, Staatsanwälte, Richter oder Ärzte auszugeben. Meist werde der Anruf zusätzlich von einem angeblichen Verwandten untermalt, der nur kurz angebunden oder weinend und völlig aufgelöst das Telefon weitergibt, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Rheinpfalz. „Dieser ’Verwandte’ stecke in einer empfindlichen Notlage, meist habe er einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht und um die Haft zu unterbinden, sei nun eine heftige Kaution fällig“, schildert er einen typischen Anruf. In den vielen Variationen der Schockanrufe läge die Person auch im Krankenhaus und bräuchte plötzlich ein lebensnotwendiges Medikament.

Organisierte Tätergruppen

Der „falsche Polizeibeamte“ sei ein „Klassiker“ des Telefonbetrugs, sagt Bolut. Die organisierten Tätergruppen hätten aber auch andere Varianten ihrer Betrugsmasche. Mal würde sich am Telefon ein Microsoft-Mitarbeiter melden, ein großes Problem vorspielen und so versuchen Zugriff auf den Computer zu bekommen. Ziel seien persönliche Daten und letztlich auch der Zugriff auf das Online-Banking. In anderen Fällen würden die Täter als Mitarbeiter der Sparkasse auftreten. Regelmäßig werde eine Notfallsituation oder ein Unfall vorgetäuscht, um den Moment der Panik zu nutzen und Menschen zu schnellen Entscheidungen zu zwingen. Die Betrugsversuche sind längst nicht nur auf das Telefon beschränkt. „Häufig sind Nachrichten, die eine neue Handynummer des eigenen Kindes vortäuschen und mit Hallo Mama beginnen“, sagt Bolut.

Gesteuert würden die Anrufe aus dem Ausland. Vor Ort setzten die Gruppen einzig Läufer ein, die die Beute bei ihren Opfern abholten. „Das sind oft die meisten, die wir fassen können“, sagt Bolut. Das Agieren im Ausland und die hohe Organisierung der Tätergruppen mache es der Polizei schwer die Hintermänner zu fassen.

Betrugsversuche steigen an

Bei der Suche nach den Opfern griffen die Täter in der Regel zum Telefonbuch, um gezielt ältere Menschen zu finden. „Jüngere Leute sind da nicht mehr verzeichnet. Zudem suchen die Täter gezielt nach älter klingenden Namen“, sagt Bolut. Mit viel Aufwand kämen die Betrüger irgendwann an ihr Ziel. „Die probieren es Tausende Male, aber wenn einer darauf einfällt, lohnt sich das für sie.“ Auch in den Telefonaten legten sie bei der kleinsten Chance eine hohe Ausdauer an den Tag. „Die versuchen es so lange, bis sie etwas bekommen“, sagt Bolut. Er bemerke, dass sich die Täter von Ortschaft zu Ortschaft abklapperten. „Teilweise erhalten wir geballte Anrufe aus Jockgrim oder Hagenbach. Es geht den Tätern darum, dass die Läufer nicht allzu weite Strecken zurücklegen müssen.“

Der klare Rat von Bolut ist daher, bei einem Verdacht auf Betrug gleich aufzulegen und die Polizei zu informieren. Ihm ist es wichtig klarzustellen. „Die Polizei wird niemals Bargeld oder Gold in diesen Mengen verlangen. Auch die Begleichung von Ordnungswidrigkeiten erfolgt nur noch bargeldlos.“ Zudem informiert die Polizei in regelmäßigen Informationsveranstaltungen über das Phänomen und die neuen Maschen der Täter. Noch immer hätten die Betrüger aber auch in der Südpfalz Erfolg. „Leider sind die Fallzahlen, trotz unserer intensiven Berichterstattung und auch des vielfältigen und umfassenden Aufgreifens des Themas durch die Medien, nicht gesunken, sondern sogar weiter deutlich angestiegen“, sagt der Sprecher des Polizeipräsidiums Rheinpfalz.

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