Kandel Proben für Stationentheater haben begonnen
Den weitesten Zeitsprung beim Theater unter dem Motto „Wer sich auf den Markt wagt, kann dort was erleben“ wagen die Akteure ins Jahr 1619, als in der Burg zu Minfeld Landschreiber Atzenhofer seinem Gehilfen Valentin aus dem Zweibrücker Schreiben zitiert, das den Bauern des Marktfleckens Kandel das Recht auf einen Wochenmarkt sowie drei Jahrmärkte zugesteht. „Valentin, bitte langsam reden und zeigen, dass du nicht alles so recht verstehst, du kannst auch die Augen rollen“, gibt die Regisseurin Anweisung. „Aber das ist nicht so einfach, die Einfalt zu spielen“, lacht Protagonist Roland Ohmer und wiederholt die Szene. Alle Darsteller sind hochmotiviert und offen für Sabines Vorschläge: „Den Text auswendig sprechen und möglichst bereits Kostüme tragen, erst dann kann man in den Charakter schlüpfen.“
„Ja, das stimmt, ich bin erst im Kostüm die Kronenwirtin Else“, bestätigt Annette Heilmann. Für die Regisseurin ist es die zehnte Zusammenarbeit mit dem Kandeler Kulturverein, vor allem mit Petra Krumm, die sich um Organisation, Requisiten, Helfer und Lagerplätze kümmert. Die zahlreichen stilgereichen Kleidungsstücke fertigt „Gewandmeisterin“ Barbara Asselmeyer. Es gebe zwar noch viele ältere Kleidungsstücke, die jedoch „heutigen kräftigen Männern“ oft zu klein seien, sagt Asselmeyer.
Unerschöpflicher Fundus an bäuerlichen Geräten
Hilfreich sei es, dass sie fast die Hälfte der Darsteller kannte und damit Rollen passend zuordnen konnte, erzählt Daibel-Kaiser. Doch umgekehrt gebe es auch Kandeler Originale, die im Stück auftauchen. „Schreib mer e Roll als Marktweib, des kann ich gut“, bat Anneliese Vetter, die außerdem ihren fast unerschöpflichen Fundus an bäuerlichen Gerätschaften und Utensilien zur Verfügung stellt. „Sabine kann uns die Seele einer Person vermitteln. Sie ist offen für Vorschläge, hat den richtigen Blick und gute Tipps“, lobt Bernd Hausmann. Und wenn Tipps zur Lanzenszene nichts nützen, lässt sich die Regisseurin auch schon mal selbst gekonnt auf die Tischplatte fallen bei dem überraschenden Auftritt von St. Georg mit der Lanze.
Freilich darf bezweifelt werden, dass 1619 tatsächlich St. Georg bei den Kandeler Marktrechten mit im Spiel war, aber generell hält sich die Autorin an historisch verbriefte Tatsachen. Hilfreich war Werner Essers Begleitheft zur Ausstellung „400 Jahre Marktgeschehen in Kandel“. Und als höchst fruchtbar und amüsant bezeichnet sie viele Gespräche mit Werner Mühl. „Gepaart mit einer anständigen Prise Humor finden sich bei ihm pfälzische Gepflogenheiten und lokalhistorische Informationen. Da kann man dann Geschichte mit Emotionen verknüpfen.“ Mit dieser Kombination erreicht sie das Publikum, wenn trockene Fakten lächelnd verpackt leicht zugänglich und auf einfache Weise zum Geschichtsunterricht werden.
Neue Maße und Gewichte in napoleonischer Zeit
So geschehen beim Frucht- und Kräutermarkt 1802, als in napoleonischer Besatzungszeit die Einführung neuer Maße und Gewichte vorgeschrieben wurde. Der Markt kam tatsächlich zum Erliegen, weil die Bauern die Gebühren des „Mecanien“ (Marktüberwachers) umgehen wollten und direkt aus ihren Speichern die Frucht verkauften.
Bekannt ist auch die Begebenheit in der „Krone“ am Plätzel, als hier einige Honoratioren für ihr üppiges Essen am Jahrmarkt „üblicherweise“ nicht zahlen wollten. Verknüpft mit der Weisheit „Kleider machen Leute“ und der Selbsthilfeaktion dreier starker Frauen, „die den besseren Herren die Kleider vom Leib reißen“ zeigt die Autorin, wie mutige Frauen das schändliche Verhalten beenden. Zur Auflockerung gibt’s zwischen den Szenen musikalische Beiträge von Bänkelsängern, die früher von Dorf zu Dorf zogen um ihre Moritaten darzubieten.
Imaginärer Wochenmarkt zum Abschluss
Bei den zeitlich näheren Szenen wird an die Diskussionen und Mutproben zwischen den Unner- und Owerkandlern im Jahr 1920 erinnert oder an die Empfehlungen der richtigen Kerwe-Tanzlokale im Jahr 1955, „wenn en Bauer willsch, die danze in de Pfalz“. Schließlich enden 400 Jahre Marktgeschehen auf einem Imaginären Wochenmarkt mit dem witzigen Abgesang der „drei Suppengrünien“ auf die glanzvollen Marktzeiten.
Die Regisseurin und alle Aktiven von fünf bis 70 Jahre freuen sich aufs Stationentheater, weil es viel mehr Menschen als Theater im Saal anlockt. „Reaktionen und Emotionen sind für Schauspieler und Besucher spürbar. Lokalkolorit und eigenes Erleben führt zum heiteren gegenseitigen Austausch auf den Wegen zur nächsten Station und das Plaudern danach ist ein Zusatzgewinn“, wissen die Verantwortlichen.
Info
- Die 14 Aufführungen finden statt an den Samstagen und Sonntagen 2., 3., und 16., 17. Juli zu verschiedenen Uhrzeiten in Kandel rund um den Marktplatz. Eintritt: 10 Euro. Infos: www.kukuk-kandel.de.
- Karten gibt es bei https://www.kuk-kandel.de/events/stationentheater und in Kandel beim Südpfalz-Tourismusbüro am Bahnhof in Kandel.
Infos auch auf der hompage www.kukuk-kandel.de.