Wörth
Nach Boxkampf auf Toilette: Vortrag von Anti-Gewalt-Coach
„Bist Du eigentlich froh, dass alles so gekommen ist?“, will einer der Zehntklässler des Europagymnasiums von Christoph Rickels wissen. Eine auf den ersten Blick unpassende Frage an einen Mann, der durch den Faustschlag eines eifersüchtigen Disco-Besuchers fast zu Tode gekommen wäre, vier Monate im Koma lag und seither mit einer 80-prozentigen Schwerbehinderung leben muss. Aber es ist eine sehr gute Frage, wenn man Rickels erlebt, seinen Vortrag gehört hat. Er ist ein Kämpfer, ein echtes Vorbild. Er muss einige Augenblicke überlegen. „Ja“, antwortet er, „ich weiß ja nicht, was sonst aus mir geworden wäre. Es ist schon okay so.“
Im Sommer gab es am Europagymnasium einen Vorfall. Zwei Schüler hatten sich in der Pause zu einem Wettkampf mit Boxhandschuhen in der Jungentoilette verabredet. Einer der beiden Möchtegernboxer ging dabei zu Boden, schlug mit dem Kopf auf und musste anschließend ins Krankenhaus. Glücklicherweise ging alles glimpflich aus. Dennoch wünschten sich einige Eltern, dass Christoph Rickels noch einmal in die Schule eingeladen werden sollte, um seinen Vortrag zum Thema Gewaltprävention zu halten. Lehrerin Susanne Boss, die Rickels bereits 2019 nach Wörth gelotst hatte, lud den 36-Jährigen erneut ein. Mit dabei war diesmal auch Sven Ottke, der 23-fache Boxweltmeister im Supermittelgewicht, den Boss seit vielen Jahren kennt. Die Veranstaltung richtete sich am Vormittag an die Schüler der Jahrgangsstufe 10 und abends an deren Eltern.
Attacke von Überwachungskamera aufgezeichnet
Christoph Rickels hatte nicht so viel Glück wie die beiden „Boxer“ in der Jungentoilette. Im September 2007 wurde Rickels, der aus Jever stammt und damals gerade 20 Jahre alt war, beim Verlassen einer Disco in Aurich von einem jungen Mann unvermittelt ins Gesicht geschlagen. Die Attacke ist von einer Überwachungskamera aufgezeichnet worden. Der Film wird an diesem Morgen mehrfach abgespielt. Je öfter man ihn sieht, umso verstörender wirkt er. Rickels stürzt und schlägt heftig mit dem Kopf auf dem Steinboden auf. Er ist sofort bewusstlos. Grund für die Attacke war, dass Rickels an diesem Abend mit der Freundin des Schlägers geflirtet hatte.
„Ich habe keinerlei Erinnerungen an mein Leben vor diesem Faustschlag“, sagt Rickels. Zwar wisse er so ungefähr, wie sein früheres Leben gewesen sei, aber nur durch Erzählungen von Freunden und Verwandten oder durch Fotos und Filmaufnahmen. Rickels erlitt mehrere Hirnblutungen, lag vier Monate im Koma. Die Ärzte bezweifelten anfangs sogar, dass er überleben werde. Wie lange er gebraucht habe, bis es ihm wieder besser ging, will ein Schüler wissen. Etwa drei Jahre, antwortet Rickels. Seine Mutter habe sich um ihn kümmern müssen, wie um ein Baby. Er musste wieder laufen lernen, auch reden konnte er anfangs nicht mehr. „Ich werde immer sprachbehindert bleiben und humpeln“, sagt Rickels.
Nur Verlierer
Zu den Themen „Prävention von Mobbing und Gewalt und dem missbräuchlichen Umgang mit digitalen Medien“ sind am Europagymnasium einige Veranstaltungen geplant. Für die vermeintlichen Vorbilder der Jugend auf Tiktok oder Youtube hat Rickels nur Hohn und Spott übrig. Einige besonders krasse Beispiele zeigt er. „Ist das cool?“, fragt er die Schüler. Cool seien Menschen, die in ihrem Leben etwas erreichen, meint ein Schüler. „Genau“, sagt Rickels. Er forderte die Jugendlichen auf, mutig zu sein, bei Mobbing nicht mitzumachen, vielmehr den Opfern zu helfen, auch wenn man sich gegen eine ganze Gruppe von Mitläufern stellen müsse.
Rickels gibt zu, früher selbst kein Kind von Traurigkeit gewesen zu sein, immer mal wieder habe er sich geprügelt. Für ihn heute unvorstellbar, denn bei Gewalt gebe es nur Verlierer. Er habe durch den Faustschlag seine Gesundheit verloren, seine Familie habe darunter gelitten. „Aber auch der Täter ist ein Verlierer“, sagt Rickels. Zwar habe er nur eine Bewährungsstrafe erhalten, was Rickels bis heute nicht verstehen kann, aber: „Er wird nie in seinem Leben mehr Geld haben. Er wird nie ein Haus bauen können, nie eine Familie ernähren können.“ Für die Krankenhaus- und Behandlungskosten muss er aufkommen und Schmerzensgeld zahlen, was sich laut Rickels schon auf über eine Million Euro summiert. „Außerdem muss er mir mein Gehalt zahlen, das ich in meinem Job verdient hätte. Da ich mehr verdient hätte als er verdient, ist klar, dass er nie Geld haben wird.“ Und auch seiner Freundin habe der eifersüchtige Gewalttäter damals mit seiner Tat nicht imponiert. „Die hat sofort Schluss gemacht, die wollte nicht mit einem Schläger zusammen sein.“
„Gewalt ist nicht cool“
Rickels setzt sich mit seiner 2009 gegründeten Initiative „first togetherness“ in Schulen, Gefängnissen und sozialen Einrichtungen für ein gewaltfreies Miteinander ein. Für sein Engagement erhielt er 2019 die Verdienstmedaille der Bundesrepublik, 2015 den Preis für Zivilcourage des Landes Niedersachsen. Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat ihn zum Botschafter für Demokratie und Toleranz ernannt.
„Geht in Sportvereine, dort werdet ihr eure überschüssige Energie los“, riet Sven Ottke den Jugendlichen. Die Sportart sei dabei egal. Fairness und der respektvolle Umgang miteinander sollten dabei im Mittelpunkt stehen. Der Ratschlag ist ganz im Sinne von Rickels. Denn Respekt und Fairness seien cool. „Wenn ihr genug Arsch in der Hose habt, um ihr selbst zu sein, dann seid ihr cool. Gefallt euch selber“, gab er den Jugendlichen mit auf den Weg.
Info
www.first-togetherness.com