Kreis Germersheim
Mit dem Bus über den Feldweg
„Etwas Dümmeres gibt es nicht!“, sagt Hartwig Scherff. Der Ottersheimer sitzt im Bus der Linie 505 und äußert sein Unverständnis über Bellheims Baustellenmanagement. Damit ist er an diesem Morgen nicht alleine. Am Nordpol eine frisch gewachsene Spargelstange zu finden, wäre gewiss wahrscheinlicher als zufriedene Ortskundige.
Bellheim. Am Steuer des Busses sitzt Temel Tuglu. Seit 27 Jahren fährt er Linienbusse und sagt, dass er in dieser Zeit schon ganz andere Umleitungen gefahren sei: „Wenn man glaubt, schon alles gesehen zu haben, dann kommt doch wieder etwas neues.“ Souverän und gut gelaunt kurvt er das Gefährt durch die Landschaft. Eine alte Dame braucht etwas Zeit, bis sie eingestiegen ist und sicher auf ihrem Platz hockt. Tuglu hat die Geduld, auch wenn der Fahrplan dicht getaktet ist. Als sie aussteigt, eilt er zur Hintertür und hilft ihr beim Aussteigen. Für die über den Wirtschaftsweg abkürzenden Autofahrer hat er Verständnis. Wie auch Scherff. Er kennt einen Ottersheimer, der in der Brauerei arbeitet. „Für den wäre es ja eine Idiotie, wenn er den Umweg fahren würde! Immerhin ein Gutes hat die Situation, die Polizei kontrolliert nicht so oft. Die werden auch wissen, was los ist“, zeigt er sich als Freund des als gesund empfundenen Menschenverstandes.
Dieter Kuhn aus Billigheim-Ingenheim kennt die Strecke auch. Er würde die Strecke auch für PKW freigeben: „Klar, es würde manchmal eng werden. Aber es müsste gehen!“ Allgemein bedauert er, dass zu wenig an die Pendler gedacht werde. Für die sei der ÖPNV zu schlecht. Dabei „heißt es immer, die Leute sollen vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen“.
Handwerker fährt Umweg, um Zeit zu sparen
An der Strecke des 505ers liegt auch Offenbach. Natürlich gibt es dort auch Betriebe. Landläufig gilt es ja als ewiges Gesetz, dass ein Handwerker auf der Baustelle immer Zeit hat, aber nie auf dem Weg von und zu dieser hin. Ein junger Heizungsbauer schraubt diesen Glauben allerdings auseinander. Er fahre die notwendigen Umwege, auch wenn sie Zeit kosten. Der Grund ist einfach: Wenn wir angehalten werden, dann kostet es gerade noch mehr Zeit. Diesen Stress will ich mir nicht geben.“
Bernd Messerschmitt hat keinen Stress mehr. Der Landwirt im Ruhestand tuckert gerade mit seinem Traktor in Richtung der Umleitungsstrecke. Dort will er dann mit seinem Hund ein wenig an die frische Luft. Für ihn reicht „die Geschichte“ weit zurück, denn ursprünglich habe es nur einen einfachen Schotterweg gegeben, „der dann notdürftig asphaltiert wurde und für die Landwirte gereicht hat“. Aber schon ab da hätte sich der Weg als Abkürzung eingebürgert. Da den Landwirten der Weg aber gehört und sie ihn auch bezahlt hätten, seien sie über diese Nutzung „ein bisschen empört“. Zumal der Weg inzwischen in einem schlechten Zustand ist und die Gemeinde eine Instandsetzung verweigere. Messerschmitt: „Die sagen, sie machen nichts, solange uns der Weg nicht gehört.“ Grundsätzlich störten ihn die Autos aber nicht. „Aber wenn einer hinter mir schnell heran gefahren ist, dann habe ich manchmal schon extra langsam gemacht, damit der sich tüchtig ärgert“, lächelt er wie ein junger Mann.
Eine Lady kürzt rechtswidrig ab
Und wieder kommt ein Kleinwagen, der naturgemäß für landwirtschaftliche Arbeiten gar nicht geeignet sein kann. Auch ist die Kleidung der Fahrerin noch nicht einmal tauglich, um unfallfrei die Geranien auf dem heimischen Balkon zu gießen. Also eine klare Sache, die Lady kürzt rechtswidrig ab. „Es wird viel zu wenig kontrolliert, sagt Elke Paul. Auch sie ist Busfahrerin und kennt die Strecke nach Landau seit fünf Jahren: „Ich glaube, in diesem Monat habe ich erst ein Mal die Polizei bei einer Kontrolle gesehen.“ Sie muss es wissen, fährt sie die Strecke doch bis zu fünf Mal in einer Schicht. Sie hat aber auch Verständnis für die PKW-Fahrer und versteht nicht, „warum die nicht zuerst die Umgehung gestartet haben. Auch die Geschäfte sind nicht mehr so gut besucht, wie mir Fahrgäste erzählen. Busfahren ist wie in der Wirtschaft hinter dem Tresen zu stehen. Man kriegt alles mit, Schicksale und Ärger“.
Die Engstellen der Umleitung sind offensichtlich. Eine Fahrbahnfreigabe auch für PKW hält Paul für ausgeschlossen. Die Busfahrerin zeigt auf Spurrillen in den Feldern, die auf ausweichende Autos hinweisen. Ein Mann steigt ein und beschwert sich, dass der Bus vor ein paar Tagen „fünf Minuten zu früh gekommen“ sei. Wo man wegen der Baustellen eher mit Verspätungen rechnet, ist das ungewöhnlich. Elke Paul nimmt den ihr bekannten Stammgast ernst und verspricht, dass sie die Beschwerde weitergeben wird.