Kreis Germersheim Mehr Kriegsgefangene in der Stadt als diese Einwohner hatte
Am Ende des 1. Weltkriegs hatte Deutschland nicht nur den Krieg und seinen abgedankten Kaiser verloren. Die Stadt Germersheim hatte beim Waffenstillstand im November des Jahres 1918 den Verlust ihrer Eigenschaft als Festungsstadt und ihrer Garnison zu beklagen. Wichtige Faktoren, die ihr über viele Friedensjahrzehnte hinweg stets als sicheres wirtschaftliches Standbein gedient hatten.
Nun wurden – sozusagen „über Nacht“ – Kasernen und Dienststellen geräumt, die noch vorhandenen Truppen an ihre Demobilisierungsorte verlegt. Statt der weiß-blauen bayerischen Rautenfahne wehte schon Ende November die französische Trikolore an einigen Gebäuden, welche die Besatzungstruppen nutzten. Zur allgemeinen Unsicherheit im Hinblick auf die wirtschaftliche Zukunft, die unter wenig guten Vorzeichen stand, gesellte sich auf lokaler Ebene ein weiteres Problem, da auf dem Gelände des ehemaligen „Exerzierplatzes“ (heute US-Depot) noch mehrere Tausend russische Kriegsgefangene interniert waren. Deren Versorgung, Überwachung und Abtransport war mit dem Abzug der bayerischen Truppen aus Germersheim auf die Stadtverwaltung als Ortspolizeibehörde übergegangen. Bereits in der zweiten Aprilhälfte 1915 waren 4062 russische Kriegsgefangene aus dem Lager Lechfeld in Germersheim eingetroffen, die man zunächst in einem provisorischen Lager auf dem Exerzierplatz, das aus Zelten und Baracken bestand, untergebracht hatte. Erst 1917 wurden mit Hilfe der Gefangenen eine Reihe fester Backstein-Unterkünfte geschaffen. Bis Anfang 1918 stieg die Zahl der Gefangenen auf 9538 an, davon waren 6932 Russen und 2606 Italiener. Damit hatte deren Zahl ein Mehrfaches der zivilen Einwohnerzahl der Stadt erreicht, mit allen damit verbundenen Versorgungsproblemen. In einem Rundschreiben an alle Bürgermeisterämter des Bezirksamts Germersheim hatte Bezirksamtmann Stumm bereits am 15. November 1918 auf die drohende Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung durch die „Überhastung der Demobilmachung“ der zurückkehrenden Truppen aufmerksam gemacht. Er regte an, in allen Gemeinden „Ordnungsmannschaften“ aufzustellen und diese mit Ausrüstung, Waffen und Munition zu versehen. Wenige Tage später erließ das Bezirksamt eine Verfügung, in der die Errichtung von Bürgerwehren mit „größter Beschleunigung“ angeordnet wurde und deren Aufgaben und Organisation näher bestimmt wurden. Bei der „Königlich Bayerischen Telegraphenanstalt Germersheim“ lief am 20. November 1918, morgens 9.30 Uhr ein Telegramm aus München ein, in welchem man dem Bürgermeisteramt mitteilte, dass man bei der Waffenstillstandskommission die umgehende Entsendung von Truppen der Entente zur Übernahme des Gefangenenlagers in Germersheim beantragt hatte. Da man Unruhen befürchtete, sollte bis zum Eintreffen dieser Truppen die „Bewachung der Gefangenen mit allen Mitteln, gegebenenfalls unter Heranziehung von Bürgerwehr“ gewährleistet werden. Die Vorstellung, in dieser Situation mehrere tausend Kriegsgefangene möglicherweise unbeaufsichtigt und ohne ausreichende Versorgung und Verpflegung „vor der eigenen Haustür“ zu haben, bereitete dem Germersheimer Stadtrat Unbehagen und Kopfzerbrechen darüber, was in dieser prekären Lage zu tun sei. Die Tatsache, dass sich das Militär binnen kurzer Zeit zurückzog und die Verantwortung für das Gefangenenlager auf die Stadt übergegangen war, die ihrerseits nur über wenige und für diese Aufgabe nicht ausgebildete Kräfte verfügte, verschärfte die Situation noch zusätzlich. Da war es zwar gut gemeint, aber vermutlich nicht sonderlich hilfreich, dass der Kommandant des Kriegsgefangenenlagers, Schubert, das Bürgermeisteramt am 21. November 1918 davon unterrichtete, dass der Abzug der Truppen unmittelbar bevorstand, er aber gerne bereit sei, die Stadt bei der Einrichtung des Wachdienstes zu unterstützen und erfahren wollte, zu welchem Zeitpunkt mit der Bewachung durch die Bürgerwehr zu rechnen sei. Unter dem Druck der Ereignisse beschloss der Stadtrat daher am 22. November 1918, eine 300 Mann starke Bürgerwehr aufzustellen, die eine Vergütung von 10 Mark pro Tag zuzüglich der „Morgen- und Abendkost“ erhalten sollte. Zur Bewaffnung der Bürgerwehr wurden der Stadt 300 Gewehre vom Bezirksamt zur Verfügung gestellt, das auch regelte, dass die Angehörigen der Bürgerwehr eine bayerische Kokarde an der Kopfbedeckung sowie eine weißblaue Armbinde tragen sollten. Zur schnellstmöglichen Umsetzung des Beschlusses erließ man eine „ortspolizeiliche Vorschrift“, die in vier Paragrafen die notwendigste Organisation regelte. Danach konnten alle männlichen Einwohner der Stadt Germersheim vom 18. bis zum vollendeten 50. Lebensjahr zur Bürgerwehr eingezogen werden. Die Beschlussfassung erfolgte übrigens in Anwesenheit zweier „Volks-Räte“, die gegenüber der Stadtverwaltung als Kontrollorgane auftraten. Über den „Volks-Rat“ in Germersheim wird berichtet: „In den ersten Tagen der im deutschen Vaterlande sich vollzogenen Umwälzung hat sich wie in anderen Städten und Gemeinden so auch in hiesiger Stadt ein Arbeiter-, Bauern- und Bürger Rat gebildet, der sich zur Aufgabe gesetzt hat, im Zusammenwirken mit der Stadtverwaltung für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu sorgen. Von Seiten des Vollzugsausschusses des hiesigen Arbeiterrates, der sich nunmehr Volks-Rat nennt, wurden dessen 2. Vorsitzender Moritz Klein und Beisitzer Franz Mayer als kontrollierende Organe der Stadtverwaltung beigegeben“. Beide erhielten von der Stadtkasse für ihre Dienste eine tägliche Entschädigung von je 10 Mark. Wie der Stadtrat anerkennend würdigte, hatte der Volks-Rat bis zum Eintreffen der französischen Besatzungstruppen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung der Allgemeinheit „gute Dienste“ geleistet. Es ist zu vermuten, dass die Bürgerwehr allen Aufgaben jener schwierigen Zeit gerecht geworden ist. Es finden sich jedenfalls keinerlei Hinweise darauf, dass es zu Ausschreitungen von Seiten der abziehenden Kriegsgefangenen gekommen war. Am 24. November 1918 verließen die Ersatztruppenteile des 17. Infanterie-Regiments die Stadt. Einen Tag später traf bereits ein Vorauskommando der französischen Besatzungssoldaten in Germersheim ein, dem Anfang Dezember reguläre Besatzungstruppen folgten. Nachdem die deutschen Behörden nunmehr der Kontrolle der französischen Besatzung unterstellt waren, erachtete man die Kontrolle der Stadtverwaltung und des städtischen Lebensmittelamtes nicht mehr für notwendig, so dass die Bezahlung der beiden „Volksräte“ zum 15. Dezember 1918 eingestellt wurde. Die enge Verbindung der Stadt mit dem bayerischen Militär, mit dem Bau der Festung scheinbar für alle Zeiten geschlossen und im wahrsten Sinne des Wortes „in Stein gehauen“, war damit abrupt zu Ende gegangen.