Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Medikamentenknappheit: Kunden müssen ständig vertröstet werden

Der Schein voller Regale trügt: Deutschlands Apotheken beklagen anhaltende Lieferengpässe bei einer Reihe von Medikamenten.
Der Schein voller Regale trügt: Deutschlands Apotheken beklagen anhaltende Lieferengpässe bei einer Reihe von Medikamenten.

Seit Monaten sind immer wieder bestimmte Medikamente knapp. Derzeit betrifft es vor allem Penicillin und Fiebersäfte für Kinder. Die Apotheken in der Region gehen erfinderisch mit dem Mangel um und suchen kreative Lösungen.

Ob ein Medikament bei Bedarf verfügbar ist oder nicht, ist auch eine Frage des Moments. „Penicillin ist derzeit verfügbar, aber Amoxicillin bekomme ich gerade gar nicht“, sagt Katharina Burckhardt beim Blick in den Computer der Bienwald-Apotheke in Kandel. Die Lieferengpässe seien schon seit fast einem Jahr ständig präsent. „Mal kommt ein Päckchen mit kleineren Packungsgrößen, mal sind Großpackungen besser verfügbar“, sagt Burkhard. Häufig müsste auf andere Wirkstoffe zurückgegriffen werden. „Das heißt dann auch immer, dass wir den Ärzten hinterher telefonieren müssen, ob auch ein anderer Wirkstoff geht.“

Knapp sind derzeit vor allem Medikamente für Kinder. „Antibiotische Kindersäfte sind das größte Problem“, sagt Oliver Köhler, der unter anderem die Zügel-Apotheke in Wörth und die Apotheke an der Passage in Kandel führt. Viele Wirkstoffe seien immer noch nicht lieferbar. In Rücksprache mit den Ärzten versucht auch er regelmäßig auf andere Präparate auszuweichen. „Das ist komplex für Arzt, Apotheke und Patienten.“ Wenn es an einer Stelle besser werde, klemme es dafür an anderer Stelle.

Selbst produzierte Medikamente

„Es fehlen seit Monaten Medikamente, immer wieder andere Wirkstoffe“, sagt auch Johanna Gemenetzi. Für die Wörther Olympia-Apotheke hat sie eine eigene Strategie, dem „extremen Mangel“ zu begegnen. „Wir werden wieder zum Hersteller.“ Aus Tabletten stellen sie in der Apotheke selbst die dringend benötigten Fiebersäfte für Kinder her. Dies sei eine Mehrarbeit für alle, aber der Bedarf sei groß. Viele Eltern suchten in der ganzen Südpfalz nach den passenden Medikamenten.

Um die selbst hergestellten Präparate zu nutzen, ist meist ein zusätzlicher Gang zum Arzt nötig. „Das ist aufwändig, weil wir die Patienten bitten müssen, nochmal zum Arzt zu gehen, um sich eine Rezeptur ausstellen zu lassen“, sagt Gemenetzi. Sie sieht aber keine andere Möglichkeit, um ihren Kunden und vor allem den Kindern das Leid zu mindern. „Wenn uns Lieferanten sagen, die Verfügbarkeit sei ungewiss, dann müssen wir reagieren.“

„Vereinzelt haben wir auch schon Medikamente selbst hergestellt“, sagt Köhler. „Aber dafür müssen wir die Wirkstoffe erstmal bekommen.“ Burkhardt versucht die eigene Herstellung zu vermeiden. Zu negativ seien die immer noch präsenten Erfahrungen aus der akuten Corona-Pandemie. Nicht nur die Hygienestandards für die Medikamentenherstellung seien hoch. „Das bedeutet für uns sehr hohe Kosten und einen hohen Zeitaufwand“, der nicht belohnt werde, sagt Burkhard. „Sobald es wieder was gibt, greifen die Menschen wieder zum günstigeren Medikament.“

Medikamentenmangel breit gefächert

Derzeit müssen viele Patienten auf ihre Medikamente warten. „Halbstündlich müssen wir Kunden vertrösten“, sagt Burkhard. Dies betreffe nicht nur Fiebersäfte. Auch Paracetamol-Tropfen oder Insulin seien immer wieder knapp. „Wir sind schon froh, wenn mal ein Rezept einfach so durch geht“, sagt Burkhard. Die Gründe für den Mangel sind für Gemenetzi kaum zu durchschauen. „Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, die Lieferketten sind ja eigentlich wieder intakt.“ Sie hofft darauf, dass die Produktion über die infektionsarme Sommerzeit wieder in Gang kommt. „Wir hoffen auf den Herbst.“

Im Verbund seiner Apotheken komme er mit gegenseitigem Austausch von Medikamenten einigermaßen durch, sagt Köhler. Doch auch bei ihm wächst die Ungeduld. „Ich höre immer wieder, dass es wieder mehr Antibiotika geben soll, aber es kommt nichts.“ Glücklicherweise habe er noch größere Vorräte gehabt, die geholfen haben, „irgendwie Lösungen zu finden.“ Burkhard wünscht sich dabei mehr Flexibilität bei den Krankenkassen. Die weigerten sich teilweise die Kosten alternativer Medikamente zu übernehmen. „Die Krankenkassen machen Probleme, obwohl sie über die Engpässe wissen“, sagt Burkhard.

Die derzeitigen Engpässe zwingen die Apotheken zu Kreativität. Gemenetzi kann dabei auch die guten Seiten entdecken. „Es gibt nichts Schöneres als zu merken, dass die Mühen, die man sich macht, für etwas gut ist. Da macht der Beruf am meisten Spaß.“ Sie bemerkt dabei auch einen deutlichen Wandel bei der Kundschaft in ihrer Apotheke. „Früher haben sich die Kunden teils geärgert, wenn sie nur ein Medikament eines anderen Herstellers bekamen. Heute sind sie froh, überhaupt ein Medikament zu kommen.“

x