Wochen-Spitze
Martinsfest: Irrlichter und Laternen
Was gab es vor Jahren einen Aufschrei, als einige Schulen und Kindergärten ihren Umzug am Martinstag plötzlich Lichter- oder Laternenfest nannten. Man wähnte das Abendland vor dem Untergang. Der letzte Rest christlicher Traditionen, mit dem Kinder überhaupt noch etwas anfangen können, schien vor linker Identitätspolitik, falsch verstandener Toleranz und woken Trends zu kapitulieren. Kein Mensch anderer Religion – und damit waren vor allem Muslime gemeint – sollte sich ausgegrenzt fühlen. Dabei kann tolerant und glaubwürdig gegenüber anderen Kulturen nur eine Gesellschaft sein, die einen Standpunkt hat und eigene Werte oder jahrhundertealte Bräuche nicht verleugnet.
Die irrlichternde Debatte ist gottseidank verflacht. Nach den Coronajahren ist jedes Kind froh, dass überhaupt wieder Laternenumzüge stattfinden – unter welchem Namen auch immer. Vielleicht hat sich auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass muslimische Familien gar kein Problem mit Sankt Martin haben und sich nicht ausgeschlossen fühlen. Denn der Gedanke des Teilens mit den Schwächsten, Barmherzigkeit und Nächstenliebe, ist auch dem Islam nicht fremd. In Wörth wird seit letztem Jahr das Sankt-Martinsfest ganz selbstverständlich unter diesem Namen vom Beirat für Integration und Migration ausgerichtet. Mehrere Vereine machen mit und Teilen bleibt kein Lippenbekenntnis: Im Bürgerpark werden Spenden für die Tafel gesammelt. So lernt jedes Kind, egal welcher Herkunft, was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
An christlichen Traditionen wird in Wörth also nicht gerüttelt, etwas war im Vorjahr aber doch neu: Vier Kindergärten feierten den Tag gemeinsam und nicht wie zuvor im Alleingang. Der Trend, dass jede Kita und die Schulen ihr eigenes Süppchen kochen und es mehrere Laternenzüge und Festchen rund um den Martinstag gibt, kehrt sich auch in anderen Orten um: In Rheinzabern gab es gestern nach vielen Jahren wieder einen gemeinsamen großen Umzug der Dorffamilie. Die Hördter machen das heute Abend zum dritten Mal in Folge so. Dass alle an einem Strang ziehen, hat Erfolg: Die Gemeinde hat nach Jahren mit mageren Teilnehmerzahlen wieder volles Haus. Das Wir-Gefühl in der Gesellschaft, das bröckelt, wird hier im Kleinen gestärkt. Ist doch schon mal ein Anfang.
Ein schönes Wochenende mit Weckmännchen, Ross und Reiter wünscht Natascha Ruske