Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Lustadt: Tennis als Inklusionshelfer

Menschen mit Einschränkungen sollen beim Tennisclub nicht nur eine sportliche Heimat finden. Eine integrative Gruppe trainiert b
Menschen mit Einschränkungen sollen beim Tennisclub nicht nur eine sportliche Heimat finden. Eine integrative Gruppe trainiert bereits regelmäßig. Foto: van

Integration von behinderten Menschen ist für den Lustadter Tennisverein kein bloßes Lippenbekenntnis. Seit 2013 wird die Anlage barrierefrei umgebaut, 120.000 Euro wurden investiert. Jetzt soll ein Multifunktionsplatz für andere Sportarten entstehen. Er ist Teil eines Projekts, das in der Freizeit das größte Potenzial für Inklusion sieht. Lebenshilfe und Jugendamt sind mit im Boot.

„Wir sind nicht ausschließlich auf den Tennissport fokussiert“, sagt der Vereinsvorsitzende Roland Hertel im RHEINPFALZ-Gespräch mit allen Beteiligten auf der Clubterrasse. Vielmehr wurde ein Breitensport-Konzept zur Inklusion von Menschen mit unterschiedlichen körperlichen und geistigen Einschränkungen entwickelt. Integration leben, nicht nur reden – darum gehe es, so lautet auch der Projekttitel.

Dabei tut sich auf der Anlage längst etwas: Schon 2013 hat der Verein den Zugang zum Clubhaus barrierefrei gemacht. Alle zwei Wochen kommen Jugendliche aus dem Herxheimer Laurentiusheim nach Lustadt, weitere Kinder und Erwachsene mit Einschränkungen trainieren in einer integrativen Gruppe. Im vergangenen Winter folgte der Umbau der Sanitäranlagen: Der Zugang zu den Duschen ist nun behindertengerecht, es gibt eine Toilette für Rollstuhlfahrer. Der Verein hat neben sechs Sport-Rollis zwei Duschrollstühle angeschafft, berichtet Hertel. 120.000 Euro hat der Tennisclub (TC) größtenteils aus eigenen Mitteln oder mit Krediten investiert, Zuschüsse kamen vom Sportbund, Firmen und der Gemeinde.

Mutige Akteure vor Ort, die anpacken

„Integration findet vor allem in der Freizeit statt“, ist Hertel überzeugt. Oft hapere es an der praktischen Umsetzung von gesetzlichen Vorgaben, meint auch die Leiterin des Kreisjugendamts, Denise Hartmann-Mohr. „Umso wichtiger ist es, dass man so mutige Akteure vor Ort hat, die nicht nur Probleme wälzen, sondern anfangen.“ Anpacken will der Verein bald auch hinter den vier Tenniscourts. Hier sollen ein Multifunktionsplatz für Beachvolleyball, Badminton, Völkerball und Ringtennis entstehen. Mit einer Sand-Grundlage, die die Verletzungsgefahr reduziert. Denn Menschen mit Handycap fallen mitunter anders als Menschen ohne, sagt Hertel. Im Winter ist auf einer Boulebahn Eisstockschießen geplant.

97.000 Euro sind für das gesamte Konzept veranschlagt. Neben dem Multifunktionsplatz und der Boulebahn beinhaltet dieser Betrag Trainerkosten, die wissenschaftliche Begleitung und weitere barrierefreie Zugänge zu den Anlagen. Der Club hofft, dass die „Aktion Mensch“ das Vorhaben finanziell fördert. Zehn Prozent muss der Verein laut Hertel auf jeden Fall selbst oder über Sponsoren finanzieren.

Integration soll sich laut Roland Hertel aber nicht nur auf den Sport beschränken. Der sei „Mittel zum Zweck“. Letztlich gehe es bei dem Projekt darum, behinderte Menschen „mit allen Rechten und Pflichten“ in das Vereins- und damit ins gesellschaftliche Leben einzubinden. Auch gemeinsames Musizieren auf der Terrasse sei geplant.

Familie fühlt sich in anderen Vereinen nicht willkommen

„Mit diesem Konzept hat er uns überzeugt“, sagt Andrea Nowotschin von der Lebenshilfe Germersheim. Als Kooperationspartner bereitet die Lebenshilfe die Trainer, Betreuer und Übungsleiter auf den Umgang mit behinderten Menschen vor und übernimmt Fahrdienste. Menschen ohne Handycap seien oft gehemmt, hätten Angst die Behinderten zu verletzen oder etwas Falsches zu sagen. Schuld seien Unwissenheit und Unsicherheit. Zum Teil auch Überfürsorglichkeit, pflichtet Christiane Vollrath, Beigeordnete der Gemeinde, bei.

„Das große Problem sind meist wir Gesunde. Wir müssen Barrieren im Kopf und Ängste abbauen“, sagt Roland Hertel. „Die Menschen sind alle echt, die zu uns kommen.“ So wie Bianca und Pascal. Die 22-Jährige hat einen Balkenmangel, die beiden Hirnhälften sind nicht miteinander verbunden. Über einen Schulfreund kam sie zum Lustadter Tennisverein. Bruder Pascal (30), der eine Form von Mutismus hat, folgte ihr – nachdem die Harthausener Familie in anderen Vereinen schlechte Erfahrungen gemacht und sich dort nicht willkommen gefühlt hatte. „Pascal hat lange nur zuhause gesprochen“, erzählt Mutter Bernadette Heinz-Bettag. Die herzliche Aufnahme im Lustadter Verein, das gleichberechtigte Miteinander, habe bei Pascal etwas bewirkt, ist sie überzeugt. Er rede seither mit Menschen und man könne ihn in den Arm nehmen. „Das war vorher jahrelang nicht möglich.“ Einen sportlichen Erfolg können Bianca und Pascal auch verbuchen: Beide haben in der vergangenen Saison mit der Damen- und Herrenmannschaft in der Medenrunde mitgespielt.

Zur Sache

Der Tennisclub hat sein soziales Engagement in ein Konzept gefasst. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Es wird sportwissenschaftlich begleitet. Zunächst sollen Kinder und Erwachsene mit Einschränkungen mit verschiedenen Sportarten vertraut gemacht werden. Geplant sind integrative Veranstaltungen, um Ängste im Umgang zwischen behinderten und nichtbehinderten Mitgliedern abzubauen. Gemeinsame Trainings und Freizeitangebote sollen „zum gewohnten Bild im Leben des Clubs“ werden. Angesprochen sind alle Menschen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen. Auch für Blinde soll es Angebote geben. Die Trainer sind entsprechend fortgebildet. Das Konzept richtet sich neben Privatpersonen an Förderschulen, Seniorenheime und andere Institutionen. Der Tennisverein Forst hat sich dem Projekt angeschlossen. Weiterer Träger ist die Tennisakademie PowerWG von Svenja Weidemann, die eine integrative Gruppe in Lustadt trainiert. Der TC besteht seit 40 Jahren und hat rund 210 Mitglieder. Im Vorstand gibt es jetzt auch einen Integrationsbeauftragten.

Die sanitären Anlagen wurden vergangenen Winter barrierefrei umgebaut.
Die sanitären Anlagen wurden vergangenen Winter barrierefrei umgebaut. Foto: van
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