Kreis Germersheim Lotse im Behördendschungel
„Ich will hier für das kämpfen, was wir aufgebaut haben“, sagt die neue Chefin des Kreisjugendamts Denise Hartmann-Mohr. Einige ambitionierte Projekte hatte sie gemeinsam mit ihrer Vorgängerin entwickelt. Die 43-Jährige hat die Leitung in schweren Zeiten übernommen: Nach dem Mordfall in Kandel sah sich die Behörde Anfeindungen ausgesetzt. „Ich unterschätze das nicht“, versichert Denise Hartmann-Mohr im Gespräch mit der RHEINPFALZ mit Blick auf ihre neue Aufgabe. Sie kennt das Jugendamt gut, „Ich bin seit 18 Jahren hier“. Unter der vorherigen Leiterin Sabine Heyn, die die Kreisverwaltung Ende 2017 verlies, wurden zahlreiche Projekte begonnen. Als Teamleiterin war Hartmann-Mohr in die Planungen eingebunden und will diese umgesetzt sehen: „Ich will den Spirit weitertragen“, sagt sie „Sonst hätte ich nicht hierbleiben können.“ Sie hat die Behörde in schweren Zeiten übernommen. Denn seit Ende Dezember 2017 ist alles anders: Der Mord an einer 15-Jährigen durch ihren Ex-Freund in Kandel hat auch das Jugendamt erschüttert. Der mutmaßliche Täter, ein Flüchtling aus Afghanistan, lebte zwar in einer Wohngruppe in Neustadt, wurde aber vom Kreisjugendamt Germersheim betreut. Kurz vor der Tat hatten die Eltern des Mädchens Anzeige erstattet. Ob danach zum Beispiel die Kommunikation zwischen Polizei und Amt vorschriftsgemäß lief, klärt derzeit die Staatsanwaltschaft. „Wir haben alles getan, um den Fall aufzuarbeiten und damit auch zur Aufklärung im weiteren jetzt beginnenden Strafverfahren beizutragen“, sagt Hartmann-Mohr. Ihre Einschätzung: „Rein fachlich“ sei alles getan worden, „aber emotional nimmt es mit. “ Als Konsequenz wird es einmal im Jahr ein Krisentraining geben; das nächste ist in diesem Monat. „Sensibilisiert waren wir vorher schon“, betont Hartmann-Mohr. Trotzdem habe man jetzt bei manchen Äußerungen „eher Herzklopfen“, gerade dann, wenn weitere Handlungsmöglichkeiten des Jugendamtes eingeschränkt sind. Nach dem Mordfall kamen Drohungen und Hassmails. Diese trafen neben dem Verbandsbürgermeister von Kandel vor allem das Jugendamt. Alle Mails wurden gesammelt und hinsichtlich der Möglichkeit einer strafrechtlichen Verfolgung überprüft, sagt Hartmann-Mohr. Nun liegt das Augenmerk stärker auf dem Mitarbeiterschutz. Zum Beispiel gibt es Trainings – wo sitzt man bei einem Gespräch, damit man schnell den Raum verlassen könnte, wenn es zu einer brenzligen Situation kommt? Es gehe auch darum, die Arbeitsfähigkeit der Behörde zu erhalten, betont Hartmann-Mohr. „Wenn wir nicht mehr da sind, wer dann?“ Angesichts des Fachkräftemangels müssten die Mitarbeiter gepflegt werden. Früher habe der Allgemeine Soziale Dienst als Königsdisziplin gegolten, sagt Hartmann-Mohr, die selbst sieben Jahre in der Abteilung gearbeitet hat. Doch diese Zeiten sind vorbei. Mitarbeiter hätten zunehmend die Sorge, durch einen tragischen Fall persönlich betroffen zu werden, „obwohl man doch alles tut, was geht“. Dabei geht es im Alltag nicht immer um dramatische Einzelschicksale, das ist der neuen Behördenchefin wichtig. Aufgaben wie Inobhutnahme und Entzug der elterlichen Sorge seien nur die „Spitze der Pyramide“. Schließlich kümmert sich das Amt genauso um die Sicherung des Unterhalts von Alleinerziehenden, mit dem Unterhaltsvorschuss oder erstellt den Kindergartenbedarfsplan. Ein großes Thema: Das Inklusionsprojekt „4+1“, bei dem Schulen mit einer fest angestellten Integrationskraft unterstützt werden. Nach einer Testphase soll das Projekt im Kreis an einer Schule pro Verbandsgemeinde umgesetzt werden. Vorher muss es jedoch durch die – ganz reguläre – Wirtschaftsprüfung des Rechnungshofs, erläutert Hartmann-Mohr. Einen Sonderfall gibt es derzeit an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Rülzheim mit „8 plus 1“. Die Schule habe aufgrund von Oberstufe und Abitur ein großes Einzugsgebiet, „die Eltern hoffen auf eine gezielte Förderung“. Da derzeit aber über 16 Kinder mit Förderbedarf diese IGS besuchen, musste der Kreis schnell handeln und die Lehrkräfte unterstützen. Ein weiteres wichtiges Projekt sind die „Häuser der Familie“. Dort sollen Angebote für alle Lebensphasen und Lebenslagen gebündelt werden. „Wir müssen über den Tellerrand schauen und Lotsen für die Kunden sein“, wünscht sie sich. Im Haus selbst setzt sie auf enge Kooperation. Ein Amt ohne Hierarchie gibt es zwar nicht, doch Gespräche mit Mitarbeitern sollen auf Augenhöhe stattfinden, sagt Hartmann-Mohr. „Jeder muss mit seinen Expertisen gehört werden.“ Natürlich hat auch eine Jugendamtschefin einen Wunschzettel. Und was steht darauf? „Freie Bildung für alle“, inklusive Schulmaterialien und Essensversorgung.