Kreis Germersheim Lokführer lässt Gehbehinderten zurück

Neupotz. Mit dem Rollstuhl öffentliche Verkehrsmittel benutzen? Angesichts Niederflurwagen und Rampen kein Problem – denkt man. In einem Leserbrief an die RHEINPFALZ schilderte Michael Kusterer aus Neupotz, die Beschwernisse, denen ein Rollstuhlfahrer im öffentlichen Personennahverkehr ausgesetzt sein kann.
Anfang Dezember hatte Kusterer versucht, abends gegen 18 Uhr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Karlsruhe nach Rheinzabern beziehungsweise Wörth zu gelangen. Um 23 Uhr wartete er am Karlsruher Hauptbahnhof noch immer auf eine Bahn, die er mit seinem Elektrorollstuhl benutzen kann – vergeblich. Über den Hausnotruf hat er sich dann mit dem deutschen Roten Kreuz in Verbindung gesetzt. Schließlich kam ein Rettungswagen, der aber den Elektrorollstuhl nicht transportieren konnte. Dieser musste am folgenden Tag separat abgeholt werden. Ähnlich erging es Kusterer an Weihnachten, als er von Germersheim zurück nach Hause fahren wollte. Dreimal hintereinander kamen nur Bahnen, die mit einem Rollstuhl nicht benutzbar waren. Als er einen Fahrer bat, er möge die Zentrale informieren und einen Behinderten gerechten Waggon anfordern, sei dieser einfach davon gefahren, schreibt Kusterer. Die Bahnhofshalle dort ist ab 20 Uhr geschlossen und Rollstuhlfahrer haben dann keine Möglichkeit mehr, auf die Toilette zu gehen. In einem Schreiben an Kusterer bedauerte der Karlsruher Verkehrsverbund „die entstandenen Unannehmlichkeiten“ und verwies auf den barrierefreien Ausbau der Haltestellen als eine der wichtigsten Aufgaben in den nächsten Jahren. Bis 2022 muss entsprechend gesetzlicher Vorgaben die Barrierefreiheit umgesetzt sein. „Dies werden wir nicht schaffen“, teilte indes ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage der RHEINPFALZ mit. „Voraussichtlich werden wir die Barrierefreiheit im gesamten Einzugsgebiet erst 2028 erreichen.“ Als Grund wird der hohe Finanzbedarf genannt und auch Planung und Baugenehmigungen bräuchten Zeit. Zwischenlösungen wie etwa Rampen seien aus den gleichen Gründen nicht realisierbar. „Und“, gibt der Unternehmenssprecher zu bedenken, „eine solche Rampe muss nicht nur einen Spalt, sondern auch einen Höhenunterschied ausgleichen. Damit der Anstellwinkel nicht zu steil wird, braucht man sehr viel Platz, der wiederum nicht überall vorhanden ist“. Bleibt Kusterer noch die Möglichkeit, sich seine Fahrten von Mitarbeitern beim Service planen zu lassen. „Das klappt leider in vielen Fällen auch nicht so richtig“, sagt Kusterer. Teilweise seien ihm Bahnen genannt worden, die dann doch nicht barrierefrei waren. Ein anderes Problem tritt auf, wenn beispielsweise Fahrten mit verschiedenen Verkehrssystemen geplant werden sollen. „Wir wünschen uns eigentlich mehr Homogenität im ÖPNV“, sagt auch Heinrich Buschmann, Behindertenbeauftragter der Verbandsgemeinde Jockgrim. „Wenn ich irgendwo einsteige, weiß ich nicht, ob ich am Zielort auch aussteigen kann“. „Spontan eine Fahrt zu unternehmen, ist entweder nicht möglich oder bleibt ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang“.