Kreis Germersheim „Liederkranz“ verwelkt
Jochen Gubisch ist ein eher besonnener Mensch. In diesen Wochen aber treibt ihn fast die Verzweiflung um. Es geht um „seinen“ Verein, den Männergesangverein „Liederkranz 1872“ Winden. Denn der steht kurz vor der Auflösung. Gubisch wird in die 145-jährige Vereinsgeschichte wohl als letzter Vorsitzender eingehen.
Alles, bloß nicht das, hatte er sich gewünscht, als er vor einigen Jahren gewählt wurde. Es ging um die Werbung neuer Sänger, um die Sicherung der Vereinszukunft, schöne Konzerte und eine ausgewogene Auswahl der Chorliteratur. Doch schon damals standen die Zeichen eher auf Niedergang. Denn immer weniger Männer aus dem Dorf fanden sich zur Singstunde ein, wollten sich binden lassen. Dies spürte man nicht nur bei Konzerten. Auch andere Veranstaltungen des „Liederkranz“ wie das beliebte Schlachtfest im Januar konnte nicht mehr durchgeführt werden. „Es fehlen uns die Leute, die helfen können und helfen wollen“, hieß es immer wieder. Und dabei taten die Männer im Vorstand alles für den Sängernachwuchs. Schon unter den früheren Vorsitzenden, genannt seien hier nur Edmund Weiß, Karl-Ludwig Jöckle, Stefan Moschko oder Walter Schattner, wurden immer wieder Werbeaktionen gestartet. Genannt sei nur der junge Projektchor „Modern Voices“, der sich zwischenzeitlich dem Frauen- und Familienzentrum Kandel angeschlossen hat. Er selbst, so Gubisch, gehöre dem Vereinsvorstand seit 27 Jahren an, lange Zeit als Schriftführer. Und in all diesen Jahren seien gerade mal sieben Sänger zum Verein gekommen. Auf der Gegenseite aber verlor man immer mehr Aktive. Wer sich an die Feier zum 100-jährigen Vereinsbestehen oder an das 125-jährige Jubiläum erinnert, der hat noch einen großen Männerchor mit 50 Sängern in Erinnerung, der die Bühne im Festzelt füllte und mit seinem Gesang aufhorchen ließ. Sogar das 110-jährige Bestehen wurde groß gefeiert, ein Festbuch herausgegeben in dem es hieß: „Jener Verein, 1872 von neun Männern gegründet wurde, hat sich heute zu einem der größten und wichtigsten Vereine unserer Heimatgemeinde entwickelt.“ Dirigenten wie Dieter Bevier oder Frank Montillon führten den Chor zu besten Leistungen bei Wertungssingen. Auch mit der derzeitigen Chorleiterin Sabine Deutsch sei man bestens zufrieden, so der Vorsitzende. Sie möchte aber zum Ende des Jahres beim „Liederkranz“ aufhören, bleibt ihrer Heimatgemeinde als Dirigentin des Kirchenchores eng verbunden. Gubisch berichtet von vielen „Rettungsversuchen“. Angedacht war ein Zusammengehen mit einem anderen Chor. Aber zu Singstunden nach auswärts zu fahren, kam für viele nicht in Frage. Auch gab es Anregungen, enger mit dem Kirchenchor zusammenzugehen. Auch das fand keine große Gegenliebe bei den Sängern. Große Hoffnungen hatte man in die A-cappella-Formation „Sing-Mann-Sing“ (SMS) gesetzt. Diese möchte aber „unterhalten, Spaß haben und vor allem gut singen“, wie es auf der Homepage von SMS heißt. Alles war für eine Satzungsänderung vorbereitet, berichtet Gubisch, der selbst in der SMS-Formation mitsingt. Und auch Personen für die Vorstandsarbeit standen bereit. Aber die meisten anderen Sänger wollten sich nicht in die Pflicht nehmen lassen für all das, was von einem Gesangverein im Dorf so erwartet wird. So scheiterte auch dieser Versuch, denn SMS will sich einem anderen Gesangverein angliedern. Woran es liegt, dass immer weniger Männer bereit sind, im Chor zu singen, weiß auch Gubisch nicht. Für ihn sei der Eintritt in den Gesangverein noch eine Ehrensache gewesen, auch habe er so schneller im Dorf Fuß fassen können. Aber heute interessiere das keinen mehr. Man kann halt auch in einem Dorf wohnen, ohne „dazu gehören zu wollen“, was auch andernorts beobachtet wird. Die Gesangvereine sind im Augenblick wohl die Einrichtungen, die das am ehesten zu spüren bekommen. Nicht wenige haben bereits ihre Vereinsgeschichte beendet oder arge Probleme mit dem Sängernachwuchs.