Kreis Germersheim Lernen in einem Brutalismus-Denkmal
Erst einmal wird gekichert. Was sollen die Schüler auch spontan zu diesem Bau sagen? „Es ist Routine, jeden Tag hier drin zu sein“, sagt die 16 Jahre alte Kiva. Und Cosima (17) ergänzt sogar, „wenn man sich auf den Unterricht konzentriert, dann fällt es gar nicht auf, in was für einem Raum Zimmer oder Gebäude man sich eigentlich aufhält.“ Dabei verbringen sie die meiste Zeit in der Woche in Gebäuden, deren Architektur schon längst unter dem Begriff „Brutalismus“ zusammengefasst werden. Wütend, gegen das Establishment In der Literatur liest man oft, dass die damaligen Architekten die Aufbruchstimmung ihrer Jahre in ihre Entwürfe mitnahmen. Direkt, wütend und gegen das Establishment sollte es sein. In Wörth ergab sich hierfür eine bemerkenswerte Gelegenheit. Denn dessen Entwicklung verlief nach dem Krieg rasant. Alleine von 1950 bis 1970 verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf rund 17000, nur sieben Jahre später konnte Wörth zur Stadt erklärt werden. Grund waren das Wachstum der Region Karlsruhe sowie auf der Pfälzer Rheinseite bedeutende Unternehmensansiedlungen wie das LKW-Montagewerk von Mercedes Benz oder die Groß-Raffinerie von Mobil Oil. Die Gemeinde reagierte und wollte ab Mitte der sechziger Jahre auf dem Dorschberg nicht nur eine Trabantensiedlung, sondern zugleich ein neues Zentrum mit Rathaus, Kirchen, Schulen, Einkaufspassage sowie Sport- und Grünanlagen schaffen. Das heutige Europa-Gymnasium entstand in zwei Bauabschnitten zwischen 1967 und 1975. Entworfen hatte es der Architekt Egon Seidel. Dass das Ensemble für den Denkmalschutz überhaupt entdeckt wurde, ist dem Fotografen Gregor Schwind zu verdanken, der diese Motive fotografiert und im Internet veröffentlicht. Er informierte den Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (RVDL). Über die Uni Mainz ging diese gar nicht mehr stille Post dann an die Denkmalpflege des Landes Rheinland-Pfalz. Jetzt streift Schwind mit wachem Blick und schierer Begeisterung durch das Gebäude. Immer wieder zückt er seine Kamera und kommentiert beinahe liebevoll: „Dieser Beton ist einfach cool und wunderschön. Viel schöner, als sie ihn heute machen“. Er gibt zu, dass er auf den Beton „natürlich sehr fokussiert“ ist. Aber ich verstehe auch, dass andere in dem Gebäude leben müssen.“ Unerreichbar hohe Baukultur Sascha Köhl, Dozent für Kunstgeschichte (Uni Mainz), ist von der Führung durch die Schüler und Lehrerin Sabine Brandt-Schefel begeistert: „Viele Teile haben eine so hohe Qualität, dass sie absolut erhaltenswert sind. So eine hohe Baukultur kann heute gar nicht mehr erreicht werden.“ Großer Sanierungsbedarf Auch seine Studierenden sind sehr aufmerksam. Leonie (25) findet „das Ensemble total spanend, weil es Stadtgeschichte begehbar macht.“ Doch bei allem Enthusiasmus fällt nicht nur der Blick der Schüler, sondern auch von ihrer Lehrerin nüchterner aus. Denn der Sanierungsbedarf ist an vielen Stellen groß. So sagt Brandt-Scheffel, dass man die Heizungen nur noch an oder ausschalten, aber nicht regulieren könne. Auch die mangelnde Dämmung sowie die starke Hellhörigkeit seien sehr störend. Der erste Anbau aus dem Jahren 1967 und 1968 ist für die Sanierung bereits freigegeben. Brandt-Schefel: „Es liegt hier einiges im Argen. Jetzt gucken wir mal, was alles gemacht wird.“