Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kreis Germersheim: Zeugnisnoten fallen nicht aus heiterem Himmel

Egal, ob die Noten schon bekannt sind oder nicht: Die Zeugnisausgabe ist eine Zäsur im Schuljahr.
Egal, ob die Noten schon bekannt sind oder nicht: Die Zeugnisausgabe ist eine Zäsur im Schuljahr. Foto: dpa

Morgen gibt es Zeugnisse. Die Noten wissen die Schüler meistens schon im Vorfeld, die Eltern nicht unbedingt. Das kann Stress bedeuten. Wenn zuhause dicke Luft herrscht, raten Lehrer und Schulpsychologen den Eltern gelassen zu bleiben und gemeinsam mit der Schule nach Lösungen zu suchen.

„In den Wochen vor und nach der Zeugnisausgabe haben wir hier wesentlich mehr Anfragen“, sagt Nicole Trost vom Studienkreis Germersheim. Neue Familien melden sich, und Kinder, die schon Nachhilfe bekommen, hätten gerne Zusatzstunden oder Unterstützung in weiteren Fächern. Sie habe den Eindruck, dass einige Schüler in dieser Zeit mehr „unter Strom stehen“. Insbesondere, wenn es in der Schule nicht so rund läuft, Blaue Briefe ins Haus flattern, und dann noch Eltern-Lehrer-Gespräche anstehen. Das Unternehmen mit Sitz in Bonn bietet in Germersheim für rund 70 Schüler Nachhilfe an.

Der Kontakt zu den Eltern ist für Holger Hauptmann, Leiter des Europa-Gymnasiums Wörth, essenziell, wenn die Noten abrutschen oder sogar die Versetzung gefährdet ist. Die Schüler wüssten ihre Noten, bevor sie das Zeugnis in Händen halten. „Die Noten fallen nicht vom Himmel, und sie werden besprochen“, erklärt Hauptmann. Wegen dieser Transparenz sei der morgige Tag aus seiner Sicht für die meisten Kinder „kein besonderer Stresstag“. Es könne natürlich sein, dass die Leistungen unter den Erwartungen der Eltern liegen. Hauptmann rät, „gelassen bleiben und Kontakt mit der Schule aufnehmen. Damit wir gemeinsam eine Strategie entwickeln, wie man das Kind unterstützen kann“. Kleinere Probleme können beim Elternsprechabend mit den Lehrern diskutiert werden, der Termin sei bewusst in den Februar nach der Zeugnisausgabe gelegt.

Schüler können nichts verheimlichen

Bevor die Halbjahres- und Jahreszeugnisse verteilt werden, gibt es an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Kandel für die Klassenstufen 5 bis 8 verpflichtende Gespräche zwischen Eltern, Schüler und Klassenlehrer. „Spätestens dann können die Schüler nichts mehr verheimlichen“, sagt Schulleiter Wolfgang Poggel. Deswegen sei der Stressfaktor bei der Zeugnisausgabe nicht hoch. In den höheren Klassen werde der Druck bei manchen Kindern größer, etwa wenn es um den Schulabschluss geht. Für die Neunt- und Zehntklässler stehen dann Schullaufbahngespräche an, so dass in der Regel „niemand völlig aus den Wolken fällt“, wenn es Zeugnisse gibt.

Wertschätzung nicht an Noten festmachen

In der Grundschule verfolgen die meisten Eltern die Leistungsnachweise ihrer Kinder engmaschig, erzählt Elke Haaf, Rektorin der Grundschule Lingenfeld. Stress bei der Zeugnisausgabe sei kaum spürbar. Eine besondere Tragweite habe allerdings das Halbjahreszeugnis der Viertklässler. Damit melden sie sich an den weiterführenden Schulen an. Da weichen Vorstellungen von Eltern und Wahrnehmung der Lehrer schonmal voneinander ab. Wertschätzung sollten Väter und Mütter nicht an schulischen Leistungen festmachen, meint Haaf. „Man sollte den Kindern immer zeigen, dass man sie liebt und immer ermutigen, das Beste zu geben.“ Eltern, die hilflos sind, rät sie mit Weitblick zu denken. Denn im durchlässigen deutschen Bildungssystem sei immer eine Tür offen.

Wenn zuhause wegen der Noten dicke Luft herrscht, rät auch Nicole Trost Eltern „ruhig zu bleiben und Lösungswege zu suchen“. Dabei komme nicht nur professionelle Nach- oder Hausaufgabenhilfe in Betracht. Klassenkameraden können sich etwa als Lerngruppe zusammenschließen. An manchen Schulen unterstützen Jugendliche aus höheren Klassen als Lernpaten jüngere Mitschüler.

Jugendlichen den Rücken stärken

Eltern sollten den Kindern unabhängig von Noten den Rücken stärken, auf Schuldzuweisungen verzichten und Anstrengungen loben, rät Friederike Stübinger, Schulpsychologin am Pädagogischen Landesinstitut, Beratungszentrum Speyer. Zwar seien Zeugnisnoten heutzutage meist keine Überraschung mehr. Trotzdem sei der Tag, wenn die Kinder das Papier in Händen halten, eine Zäsur im Schuljahr, die Aufregung und manchmal Stress auslöse. Ursache für Schulstress sei aber häufig ein hoher Leistungsanspruch der Jugendlichen an sich selbst. Das trifft laut Stübinger besonders für Schülerinnen in der Pubertät zu. Schlafprobleme, Unkonzentriertheit, Kopfschmerzen oder Bauchweh können Symptome für Stress und Versagensangst sein.

Zur Sache: Schüler unter Druck

Nicht die Erwartungen der Eltern und Lehrer oder zu viele Hausaufgaben sind Stressauslöser Nummer eins bei Jugendlichen. Sie fühlen sich im Schulalltag vor allem wegen des hohen Anspruchs an sich selbst unter Druck. Das hat eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag des Nachhilfeinstituts Studienkreis ergeben. Die Zeugnisvergabe erhöhe den Stressfaktor bei vielen Schülern. Befragt wurden bundesweit 526 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. 63 Prozent möchten gern von sich aus besser in der Schule sein. Dabei legten Mädchen den Maßstab an sich selbst höher als Jungs, teilt das Institut mit. Sie hätten zudem häufiger Angst vor schlechten Noten.

Drei Viertel der befragten Jugendlichen (72 Prozent) fühlen sich mindestens einmal pro Woche wegen der Schule gestresst, jeder Vierte (28 Prozent) sogar an mehr als drei Tagen. Die Hälfte (56 Prozent) berichtet, dass sie viel lernen müssten. Auch die Menge der Hausaufgaben verursache Stress (46 Prozent). Ein Drittel der Jugendlichen sagt, der Druck der Lehrer sei anstrengend. Ansprüche der Eltern werden nur von jedem Fünften als stressig empfunden. Immerhin 15 Prozent gaben an, dass sie wegen anderer Jugendlicher Stress hätten. Bei Schulstress suchen und wünschen sich Teenager vor allem Hilfe der Eltern (89 Prozent). Fast zwei Drittel hofft zudem auf Unterstützung der Lehrer.

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