Kreis Ger
Kreis Germersheim: Unterricht kommt online nach Hause
„Zuerst einmal muss ich sagen, dass wir sehr überrascht waren, dass die Eltern so gut ihren Alltag auf diese Situation anpassen können“, freut sich Eva Schlick, Konrektorin der Ludwig-Riedinger-Grundschule in Kandel. „Wir haben zurzeit nicht mehr als drei Kinder in der Betreuung“, sagt sie weiter. Dass diese Zahl so niedrig sei, spräche für die Eltern, die sich bis nach den Osterferien zuhause um ihren Nachwuchs kümmern.
Eins ist klar: Die Art und Weise, wie unterrichtet wird, hat sich sehr verändert. „Unser Kollegium ist dabei recht flexibel, was die Versorgung mit dem Lernstoff angeht. Zwei jüngere Lehrkräfte nehmen gerade ein Video für die Schüler auf, in dem sie ihnen den Schulstoff erklären. Andere haben auch schon Päckchen geschnürt, die den Kindern dann vor die Haustür gelegt werden“, erklärt Schlick. Darin befänden sich Bücher und andere Unterrichtsmaterialien, die bisher nicht abgeholt werden konnten. Die schnelle Entscheidung am Freitag, die Schulen bis nach den Osterferien zu schließen, habe nicht zugelassen, dass die Kinder alles Notwendige rechtzeitig mitnehmen konnten“, bedauert Eva Schlick.
Fehlende Freizeitbeschäftigungen machen Schulaufgaben attraktiv
Beschwerden über die Aufgaben zuhause gäbe es bisher aber keine: „Jeder ist froh, wenn er oder sie etwas zu tun hat, jetzt, wo fast alle Freizeitbeschäftigungen eingeschränkt wurden“, erklärt Ariane Ball, Schulleiterin des Goethe-Gymnasiums in Germersheim. Die Lehrerschaft hatte sich hier freiwillig für die Notbetreuung der Kinder eingetragen. „Dabei haben wir aber einige Kollegen ausgenommen. Beispielsweise diejenigen, die selbst ein angeschlagenes Immunsystem haben, etwas älter sind, schwanger, oder eine schwangere Partnerin zuhause haben“, sagt sie weiter.
„Dass dabei die geltenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen eingehalten werden, versteht sich von selbst“, so Johannes Müller, Schulleiter der Germersheimer Richard-von-Weizsäcker-Realschule-plus. „Dazu zählen unter anderem große Abstände zwischen den Lehrern und den Kindern, häufiges Lüften und die Desinfektion von Tischen und Türgriffen“, sagt er weiter.
So äußert sich auch Elmar Frick, Schulleiter der Realschule plus in Lingenfeld: „Wir haben extra Einzelarbeitsplätze für die wenigen Schüler eingerichtet. Dadurch kann nicht jeder immer überall im Klassenraum sitzen, was die Reinigung erschweren würde, sondern jeder hat seinen festen Platz. So kann man gezielter reinigen und desinfizieren.“
Dass besondere Umstände auch besondere Maßnahmen erfordern, beweist die Schule: „Wir haben Computer aus dem Computersaal abgebaut und den Kindern zur Verfügung gestellt“, so der Schulleiter. So könnten die Schüler die Online-Aufgaben sofort erledigen. „Da kommt es aber schnell zur Langeweile“, lacht er.
Die Lösung: Auch ausreichend spielen. Die Lehrer gehen mit den Schülern zum Beispiel auch in die schuleigene Werkstatt, „damit sie etwas Praktisches machen können“, sagt er. „Oder sie spielen mit den Lehrern, auch auf dem Pausenhof, denn andere Kinder sind ja nicht da“, lacht die Schulleiterin der Grundschule in Kandel.
Die Realschule plus in Bellheim hat auf ihrer Homepage Lernangebote für alle Klasse eingestellt - „sogar für Sport“, erzählt die Schulleiterin Anette Weber. Die Lehrer seien online mit Schülern und Eltern in Kontakt. Auch „analog“ laufe die Vermittlung des Unterrichtsstoffs gut: In der vergangenen Woche konnten die Schüler noch Arbeitsmaterialien in der Schule abholen. In der Krise bewiesen die Lehrer Kreativität und „Mut zur Improvisation“.
Am Rande: Schützenswerte Menschen
Nie waren sie so wertvoll wie heute! Gestern noch die „Geheimwaffe“ für junge Familien, Unterstützer bei Betreuungsengpässen und heute Risikogruppe. Gestern gehörten sie noch zu den beneideten „Best Agern“, zur Generation Gold und betrachteten sich selbst als rüstige, gesunde Großeltern. Heute werden sie mit Kontaktverbot belegt und als „Risikogruppe“ tituliert. Dabei könnten sie doch weiterhin mit unendlicher Geduld vorlesen oder puzzeln, Lego bauen (auch wenn sie bei Lego Technik mitunter versagen), könnten mit den Kleinen basteln, kochen und backen, im Rollenspiel notfalls auch „dinosaurisch“ sprechen – eben all das tun, was Großeltern mit ihren Enkeln tun. Sie könnten, aber sie sollen nicht. „Großeltern sind bei der Betreuung die denkbar schlechteste Lösung“ wird gepredigt. Dass das momentan nur so ist, weiß der Verstand. Die Großeltern wissen auch um die aktuellen Schwierigkeiten ihrer Kinder. Und sie würden so gerne helfen. Gingen notfalls sogar mit in Quarantäne. Sie sollen aber nicht. Vielleicht sollte man die „Risikogruppe“ in „besonders schützenswerte Menschen“ umbenennen.