Kreis Germersheim Kerzen sind Verkaufsschlager

In Tom Mutters Haus können Menschen mit Behinderung zum Beispiel Kerzen herstellen.
In Tom Mutters Haus können Menschen mit Behinderung zum Beispiel Kerzen herstellen.

Am kommenden Wochenende blickt die Lebenshilfe auf die zwanzig Jahre alte Erfolgsgeschichte der Wohn- und Förderstätte Tom Mutters im Kandeler Ortsteil Minderslachen. Dazu wird an zwei Tagen kräftig gefeiert. „Uns freut, wie wir von den Kandeler Bürgern empfangen und angenommen werden. Ohne deren Spenden wären viele Projekte nicht möglich“, betont Geschäftsführer Benno Baumgärtner. Trotz des Jubiläums bleibt die Zukunft fest im Blick.

„Wir haben noch einige Träume, die weiter geträumt werden dürfen“, sagt Baumgärtner. Und ergänzt Lars Reinert, dem gemeinsam mit Katrin Latour die Einrichtungsleitung untersteht, dass man bei weiteren „Bildungsplänen für unsere Menschen“ noch Luft nach oben habe. Zu diesen Träumen gehört, in den kommenden Jahren noch mehr nach außen zu wirken. So wünscht sich Latour in Kandel „ein Verkaufslädchen mit angeschlossener Werkstatt, damit unsere Leute auch eine direkte Resonanz auf ihre Arbeit erhalten.“ Dabei hat die Einrichtung noch immer mit Problemen zu kämpfen, die sie seit ihrer Eröffnung begleiten. Rund 13 Millionen D-Mark kostete die Anlage, die für den Elternverein selbst mit Zuschüssen des Landes oder der damaligen Aktion Sorgenkind nur schwer zu stemmen waren. In der Folge blieb die Grundfläche der noch heute größten Einrichtung der Lebenshilfe im Landkreis überdimensioniert, da viel Platz aus finanziellen Gründen nicht bebaut werden konnte. Dabei wäre der Bedarf da. Denn die Räume der Tagesförderstätte bieten eigentlich nur für vier Gruppen à 8 Personen Platz. Tatsächlich werden sie aber von Anfang an für 50 Menschen genutzt. Reinert spricht hierbei von „20 Jahren Provisorium“. Für die Betreuten lassen die beengten Räume nur wenig Kontinuität zu, vieles ist mit permanenten Veränderungen verbunden. So müssen Zimmer mehrfach am Tag für die jeweiligen Bedürfnisse umgewidmet werden, wechseln zwischen der Funktion als Arbeits-, Essens- und Aufenthaltsräumen hin und her, bedauert Reiner. „In der Raumnutzung für die arbeitsorientierte Beschäftigung der Menschen sind wir extrem kreativ“, zieht Latour immerhin auch Positives aus der Situation. Baumgärtner jedenfalls setzt darauf, dass seine Bemühungen, den tatsächlichen Bedarf gegenüber der Politik nachzuweisen, perspektivisch Erfolg haben werden. Zu den positiven Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte zählt laut Reinert im besonderen, dass sich die Debatte um Menschen mit Behinderung geändert habe. Der Teilhabegedanke (Inklusion) sowie der Versuch, diese Menschen aus dem Abseits heraus zu holen, seien deutlich stärker geworden. Auch für die Lebenshilfe gab es einen Paradigmenwechsel: „Wir haben gesagt, dass wir etwas brauchen, damit die Menschen eine sinnhafte Beschäftigung erleben. Das heißt, dass wir sie in auch noch so kleine Arbeitsabläufe integrieren.“ Diese arbeitsbezogene Beschäftigung geschieht heute in den unterschiedlichsten Bereichen. Das beginnt beim Einkaufen und Mahlen von Kaffee und geht mit dem Einsammeln von Papiermüll und gelben Säcken auf dem Gelände bis hin zur Wäschepflege, kleineren Holzarbeiten oder dem Herstellen verschiedenster Kerzen. Gerade „unsere Kerzen sind ein richtiger Schlager“, freut sich Baumgärtner. Und eines müsse man wissen, fügt er hinzu: „Sie sind alle sozialversicherungspflichtig angestellt und erwerben somit wie andere Arbeitnehmer auch Rentenansprüche. Wir sind sicher kein Riesenkindergarten für erwachsene Menschen!“ Baumgärtner legt deshalb Wert darauf, dass das Tom Mutters Haus eine pädagogische Einrichtung bleibt und keine Pflegeeinrichtung wird: „Wir machen Pflege nur, wenn sie bei der Betreuung in der Tagesstätte notwendig ist.“

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