Kreis Germersheim Kandel: Pflegenotstand im Krankenhaus

Mit schnellem Schritt durch die Gänge: Pflegepersonal arbeitet heute unter großem Druck. Unser Foto wurde in der Berliner Charit
Mit schnellem Schritt durch die Gänge: Pflegepersonal arbeitet heute unter großem Druck. Unser Foto wurde in der Berliner Charité aufgenommen.

Kandel: Unzufriedene Patienten, hohe Fluktuation beim Personal, schwieriges Image. Bei der Asklepios-Klinik läuft es gerade nicht rund. Sechs Betten der Intensivbetreuung fallen mangels Fachkräften jetzt weg. Mit Kompetenz-Team, offensiver Werbung um Pflegepersonal und Investitionen will die Geschäftsführung das Krankenhaus in ruhigeres Fahrwasser bringen.

Krankenschwestern stehen im Krankenzimmer und weinen vor Überforderung. Ein Patient liegt in einem urin-nassen Bett, die Angehörigen sagen, sie müssen die Bettwäsche selbst abziehen. Pflegekräfte wechseln in andere Klinken, weil sie ihre Arbeit nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Diese Erfahrungen wurden von Patienten und ehemaligen Mitarbeitern an die RHEINPFALZ herangetragen. In einem Gespräch nehmen Geschäftsführung, Ärztliche Direktoren und führende Pflegekräfte Stellung zu den Vorwürfen. Ein Fazit: Die Probleme sind dem Haus offensichtlich bewusst. Aus Arbeitsverdichtung und einem „miserablen Arbeitsmarkt“ entstehe „ein riesiges Spannungsfeld“ für Pflege und Medizin, sagt Geschäftsführer Frank Lambert. „Da entstehen Situationen, die weder für die Geschäftsführung noch für Patienten schön sind. Das dürfen wir nicht wegdiskutieren.“

Bis zu neun Stellen unbesetzt

Die Häuser in Kandel und Germersheim haben zusammen 16 Vollzeitstellen weniger als zu Beginn des Jahres. Die Geburtshilfe wurde komplett nach Germersheim verlagert, dafür in Kandel die Gynäkologie mit der Bauchchirurgie zusammengelegt. Die Betreuungsquote für die Pflegemitarbeiter habe sich rein nach den Belegungszahlen kaum geändert, sagt Lambert. Sechs bis neun Stellen seien unbesetzt. Dazu kämen die Ausfälle durch Krankheit oder Schwangerschaft. Die Krankheitsquote lag im November bei 5,7 Prozent, laut Lambert ein Wert, der unter dem Schnitt anderer Kliniken liege. „Es ist nicht die geplante Besetzung, die Sorge bereitet. Es ist die tatsächlich mögliche Besetzung.“ Aufgrund des schwierigen Arbeitsmarktes könnte kaum ein Pool an Springern aufgebaut werden.

Notbremse bei der Intensivstation

Bei der Intensivversorgung wurde jetzt die Notbremse gezogen: Personalausfälle hatten dazu geführt, dass die Kapazitäten an Intensivbetten und der Intermediate Care (IC) begrenzt waren. In der IC liegen Patienten, die zwar eng überwacht, aber zum Beispiel nicht beatmet werden müssen. Jeden Morgen wird geprüft, wie viel Personal zur Verfügung steht. Im Zweifel werden Betten bei der Leitstelle „abgemeldet“, das heißt, die Klinik kann von Rettungswagen nicht angefahren werden. Das war in Kandel – wie in anderen Kliniken der Region – häufig der Fall. Schließlich meldeten sich die Angestellten der Intensiven Abteilung selbst zu Wort, das Thema wurde auf einer Teambesprechung besprochen, berichtet Lambert. Nun stehen weiter sechs Betten der Intensivstation zur Verfügung. Die Anzahl der Betten bei der Intermediate Care wurde jedoch von zwölf auf sechs reduziert. Sollten mehr als sechs Patienten die Intermediate Care benötigen, kommen sie jetzt nach Germersheim oder ein anderes Haus in der Region. Im Gegenzug nimmt auch Kandel Patienten auf, wenn Betten frei und anderswo Kapazitäten knapp sind. „Intensivbetten sind immer rar“, sagt der Ärztliche Direktor von Germersheim, Dr. Karlheinz Elger. „Wir müssen noch mehr kooperieren“, sagt Lambert.

Unruhe in der Klinik führt zu Verunsicherung

Vor allem in der Kandeler Klinik nimmt er eine „Unruhe“ wahr, die zur Verunsicherung führe. Das Haus sei im Umbruch, Stichworte sind die Schließung der Geburtshilfe und der Aufbau der Geriatrie. „Es gibt Menschen, die diese Veränderung nicht gerne mitgehen“, merkt Elger an. Mit der neuen Geschäftsführung seit Anfang 2017 habe man einen Kulturwechsel erlebt, nun gebe es mehr Kommunikation. Ein neues Element ist das Kompetenzteam aus den pflegerischen Stationsleitungen und dem medizinischem Personal, das seit Ende November im Einsatz ist. Aber schon vorher habe man versucht, Prozesse zu optimieren, betont die kommissarische Pflegedienstleiterin Andrea Armbrust. Deshalb wurde zum Beispiel die Medikamentierung aus dem Nachtdienst herausgenommen. Unter anderem wegen dieser Medikamentierung sei sie gewechselt, hatte eine Krankenschwester der RHEINPFALZ berichtet: Sie sei morgens schlicht zu müde gewesen, um noch konzentriert Medikamente den einzelnen Patienten zuzuordnen.

Stationsleitung beteuert, dass die Patienten gut betreut werden

Den Pflegekräften gehe es gut, betont hingegen Pflegedienstleiterin Armbrust. Man sehe, dass die Arbeitsbelastung hoch sei. Die Arbeit am Patienten habe „nicht nachgelassen“, sagt Stationsleiterin Anja Flick. Aus ihrer Station stammte die Beschwerde einer Leserin, die ihren Vater in einem nassen Bett vorgefunden hatte. Im Patientenbericht ist nur vermerkt, dass das Bett frisch überzogen worden sei - ob das von einer Schwester, oder Angehörigen gemacht wurde, wisse man nicht, sagt Flick. Auch um Dekubitus (Geschwüre durch Wundliegen) zu vermeiden, achte man darauf, dass kein Patient eingenässt im Bett liege, so Elger. „Ausnahmen gibt es, das möchte ich nicht schönreden.“ Flick und Armbrust betonen, dass die Stationen ausreichend besetzt seien, auch mit Nachtschwestern und Springern. Die Stationen würden sich gegenseitig aushelfen. Einige Pflegekräfte, die gegangen waren, seien auch schon zurückgekommen, sagt Armbrust. „Alle Azubis, die 2018 fertig werden, wollen bleiben.“

Die Klinik wirbt um neue Mitarbeiter

Doch Personal wird offensiv gesucht. Für alle sichtbar sind die Stellenanzeigen der Asklepios-Kliniken. Die Kliniken arbeiten inzwischen mit Fachagenturen zusammen. Bei der Aktion „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“ wird jede Neueinstellung mit einer Prämie von 1000 Euro belohnt. Diese Summe wird auch Pflegekräften angeboten, die ohne Vermittler zur Klinik wechseln. Neue Kräfte werden bei der Wohnungssuche oder bei Behördengängen begleitet, man bemühe sich um familienfreundliche Arbeitszeiten, leiste Unterstützung bei der Suche nach Kinderbetreuung. Die Zertifizierung der Klinik nach DIN ISO 9001 bedeutet, dass es ein Beschwerdemanagement gibt. „Wir sind jederzeit ansprechbar, wenn es Probleme gibt“, betont der Ärztliche Direktor in Kandel, Dr. Wolfram Schulz. Ein Engpass sei die stationäre Aufnahme, dies solle sich bald ändern. Zwei Stunden Wartezeit seien relativ viel. Aber Schlaganfälle müssten bevorzugt behandelt werden und binden einen Arzt länger.

Patientin wurde nur einmal in 13 Tagen von Oberärztin untersucht

Eine Patientin wunderte sich, dass sie innerhalb von 13 Tagen Aufenthalt nur einmal die Oberärztin gesehen habe. Ärzte müssten regelmäßig vorbeischauen, betont Schulz, dies sei vorgeschrieben. „Der Patient im Bett erwartet vom Arzt auch eine gewisse Zeit, wir müssen auch daran wieder arbeiten“, sagt Elger. „Der Patient ist einmalig krank, die Demut muss im Krankenhaus erhalten bleiben.“

Gerüchte um Zukunft des Kandeler Krankenhauses

Immer wieder gibt es Gerüchte über die Zukunft des Kandeler Krankenhauses. Lambert stellt klar: Die Klinik wird nicht geschlossen und sie soll auch nicht in ein Altersheim umgewandelt werden. Ganz im Gegenteil: „Wir wollen über vier Millionen Euro aus Eigenmitteln investieren“, auch werde mit dem Land Rheinland-Pfalz geklärt, welche Fördermittel es für die Intensivmedizin gibt. Hier soll an- oder umgebaut werden.

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