Kreis Germersheim Interview: Theaterpädagogin Marianne Stein über Krieg und Flucht

Die Kinder in dem Bühnenstück sind auf der Flucht vor dem Krieg und auf der Suche nach Geborgenheit.
Die Kinder in dem Bühnenstück sind auf der Flucht vor dem Krieg und auf der Suche nach Geborgenheit.

«Maximiliansau.» Eine Gruppe Kinder wird im Syrien-Krieg von den Eltern getrennt und macht sich auf den Weg nach Europa. Traumatische Erlebnisse auf der Flucht und ihre Sehnsucht nach einer heilen Welt beschreibt ein Theaterstück, das Grundschüler aus Maximiliansau am Wochenende aufführen. Die Theaterpädagogin Marianne Stein aus Neupotz hat es mit ihnen seit anderthalb Jahren erarbeitet. Ihr Ziel: Die Kinder sollen eine eigene Meinung entwickeln.

Krieg, Flucht und Migration – sind das Themen, die sich Kinder für die Bühne ausdenken?

Als wir anfingen an dem Stück zu arbeiten, war das die Zeit, als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Plötzlich hatten die Schüler Klassenkameraden, die aus Kriegsgebieten kamen, die kein Wort Deutsch sprachen. Unsere Kinder waren mit dem Thema konfrontiert. Sie haben Bilder von gesunkenen Flüchtlingsbooten in den Nachrichten gesehen. Die müssen verarbeitet werden. Wir machen am Anfang viele Improvisationen, aus denen sich das Thema – das die Kinder aktuell beschäftigt – entwickelt. Wenn das Thema steht, wie geht’s dann weiter? Viele Kinder haben zuhause mit ihren Eltern recherchiert, haben Bilderbücher und Kindernachrichten angeschaut. Diese Materialien wurden in die Proben mitgebracht, gesichtet und Inhalte durch das Spiel gefiltert: Was ist spannend? Was macht mir Angst? Was möchten wir zeigen? Was erzählen wir damit? Auch die Eltern haben mitgearbeitet. Sie haben auch bei Requisiten und Kostümen geholfen und an langen Probetagen gekocht. Dadurch ist eine kleine Theatergemeinde zusammengewachsen. Gab es Eltern, die Bedenken bei dem schwierigen Thema hatten? Beim ersten Elternabend nach einem halben Jahr gab es auch kritische Stimmen, klar. Natürlich hatte ich mir die Frage gestellt, ob das Thema kindgerecht ist. Ich bin der Meinung, Kinder sind an vielem interessiert, sie können ganz viel verkraften und sie sagen, wenn sie etwas nicht machen wollen. Mir ist in der Theaterarbeit wichtig, dass sie eine kritische Haltung und eine Meinung entwickeln. Solange junge Menschen in anderen Ländern tagtäglich Traumata am eigenen Leib erleben, sollten unsere Kinder davon erfahren. Letztlich müssen sich die Eltern dem Thema stellen, die Kinder fordern das ein. Sie haben mit den Kindern auch Filmsequenzen von der Flucht gedreht. Während der Aufführung auf der Bühne werden diese eingespielt. Warum? Das war die Idee von zwei Jungs. Sie hatten angemerkt, dass das Thema Flucht ihnen meistens durch das Medium Fernsehen begegnet – und dann ja eigentlich weit weg ist. Ich fand den Gedanken prima: Durch den Film wird eine Distanz aufgebaut, sozusagen eine emotionale Schutzzone für den Zuschauer. Wir haben in Neupotz am Baggersee Szenen von der Flucht und in der Schule Szenen vom Flüchtlingslager gedreht. Den Kindern war zum Beispiel wichtig, durch Gitterstäbe zu zeigen, dass sie auch dort nicht die Geborgenheit haben, die sie sich wünschen. Die Verzahnung von Bühne und Film ist anspruchsvoll und logistisch eine Herausforderung. Welche Schwerpunkte haben die jungen Darsteller noch bei dem Thema gesetzt? Wichtig war den Kindern zu zeigen, dass sie in ihrer Not Hilfe erfahren und die Gemeinschaft zusammenhält. Diese Zuversicht zieht sich durch das ganze Stück. Auch ein Happy-End hat es gebraucht – wobei, ohne zu viel zu verraten – auch hier das Thema Loslassen wieder eine Rolle spielt. Den Kindern ist eine Geschichte gelungen, die berührt und die uns Erwachsene das eigene Verhalten überdenken lässt. Passt auf uns Kinder auf! Alle Kinder dieser Welt brauchen Frieden – das ist die Aussage. Info Das Stück „Akim – Kinder auf der Flucht“ ist eine Eigenproduktion der Theater-AG der Grundschule Maximiliansau unter Leitung der Theaterpädagogin Marianne Stein. Es orientiert sich an dem Kinderbuch „Akim rennt“ von Claude K. Dubois. Es wirken 14 Kinder zwischen 8 und 10 Jahren mit. Karten (6 Euro Erwachsene/3 Euro Kinder) für die Aufführungen am Samstag, 2. und Sonntag, 3. Dezember, jeweils 17 Uhr (Tullahalle), gibt es im Sekretariat der Tullaschule Maximiliansau, Telefon 07271 131370, und an der Tageskasse. Mit dem Erlös sollen Flüchtlinge und Flüchtlingskinder vor Ort unterstützt werden. | Interview: Natascha Ruske

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