Kreis Germersheim „In China machen sich alle so viel Druck“
«KANDEL». Die Großstadt Qingdao in China gilt auch heute noch als „deutsche Stadt“, obwohl die deutsche Kolonialherrschaft nach 17 Jahren bereits 1914 endete. Immerhin: Als Germania Brauerei 1903 gegründet, ist Tsingtao heute die größte Brauerei Chinas. Aus Qingdao, dem „Neapel am Gelben Meer“, besucht seit 2008 regelmäßig ein chinesischer Meister seine südpfälzischen Tai-Chi- und Kung-Fu-Schüler. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Marion Raschka hat sich mit Yu Chang Fu über seine Eindrücke unterhalten, übersetzt wurde von Dr. Gabriele Kuntz, einer langjährigen Schülerin von Meister Yu.
Ich kann mittlerweile ein paar Anweisungen fürs Tai-Chi wie zum Beispiel: nach links drehen, nach rechts drehen und Ellbogen über Knie. Außerdem kann ich fragen: Wie geht’s Dir? Und den Trinkspruch: Auf die Freundschaft! Wie kam Ihr Kontakt in die Südpfalz zustande? Wie oft sind Sie hier? In meiner Heimatstadt Qingdao habe ich deutsche Schülerinnen und Schüler kennengelernt und unterrichtet, die sehr an Tai-Chi interessiert waren. Das hat mich neugierig gemacht, und deshalb wollte ich Deutschland und seine Kultur kennenlernen. Was dachten Sie, als Sie zum ersten Mal aus der chinesischen Großstadt nach Kandel gekommen sind? Ich dachte, dass Kandel ein sehr schönes kleines Städtchen ist mit liebevoll renovierten alten Häusern. Was gefällt Ihnen hier besser als in Ihrer Heimat, was gefällt Ihnen nicht so gut wie zu Hause? Hier ist es so ruhig und friedlich und die Luft ist besser als in China. Die Menschen sind auch ausgeglichener. Und sie halten sich an Regeln, zum Beispiel im Straßenverkehr. In China machen sich alle so viel Druck. Dafür geht in China alles: Wenn man etwas Neues anfangen will, kann man einfach loslegen und es geht schnell voran. Was mögen Sie an der Gegend hier besonders? Vor allem die Weinberge und die schönen Blumen, die überall wachsen. Die Deutschen bemühen sich, ihre Häuser und Gärten zu pflegen. Das gefällt mir. Was unterscheidet Ihre deutschen Schüler von Ihren chinesischen Schülern? Die Art zu lernen ist ganz unterschiedlich: Die Chinesen üben sehr lange eine bestimmte Bewegung ein und erst danach erfahren sie, warum man eine Bewegung auf eine bestimmte Art ausführen muss. Die deutschen Schüler wollen die Bewegung zuerst ganz verstanden haben, bevor sie üben. Aber dann sind sie sehr gewissenhaft. Unterrichten Sie in Deutschland anders als in China? Ja, ich stelle mich auf die unterschiedliche Art des Unterrichts ein: Deutschen Schülern erkläre ich erst den Sinn der Bewegungen und übe sie dann mit ihnen gemeinsam ein. Die chinesischen Schüler lehre ich erst immer wieder die Bewegungsabläufe und erkläre später. Was können traditionelle chinesische Techniken wie Tai Chi und Kung Fu modernen Menschen heute vermitteln, was können sie positiv beeinflussen? Diese Techniken können die körperliche und geistige Gesundheit moderner Menschen verbessern. Heute sind alle sehr verkopft, da ist Bewegung wichtig. Außerdem hilft das Koordinationstraining, wenn man viel vor dem Computer und am Handy sitzt. Was bringen Sie Ihrer Familie und Ihren Freunden aus der Pfalz mit, wenn Sie wieder nach Hause fahren? Pfälzer Wein natürlich, und vor allem den tollen roten Dornfelder Sekt, der mir selbst auch besonders gut schmeckt.