Landkreis Germersheim
Im Notfall sofort in die Klinik – nicht nur wegen Corona
Druck auf der Brust, Unwohlsein, fahles Gesicht – Alarm! Also setzt eine Frau aus dem Landkreis ihren Mann ins Auto. Sie steuern die Germersheimer Klinik an, werden nach Kandel oder Speyer verwiesen. In Speyer angekommen müssen sie wegen der Hygienevorgaben 20 Minuten vor einem Container warten, bis endlich ein Arzt die Diagnose stellt: Verdacht auf Herzinfarkt. In der Zwischenzeit ist wertvolle Zeit vergangen. Das darf auch in Corona-Zeiten nicht sein, betont Tanja Demuth, Leiterin der Zentralen Notaufnahme in Kandel. Sie erklärt, wie Notfälle derzeit im Landkreis behandelt werden und was Patienten tun sollen.
Anfang März wurden die Notaufnahmen der beiden Asklepioskliniken in Kandel zusammengelegt, eine Reaktion auf die Corona-Pandemie. „Wir haben das Geschäft von Germersheim mit übernommen, weil es einfacher ist, das Personal hier zu konzentrieren“, erklärt Demuth.
Beim Verdacht auf Infektion sofort in separate Räume
Dabei sollte niemand aus Angst vor dem Coronavirus den Weg zum Arzt scheuen: Lebensbedrohliche Notfälle werden direkt behandelt. Alle anderen Nauankömmlinge werden zum Schutz vor einer Infektion „triagiert“, das bedeutet, von einem Arzt untersucht und eingestuft. Dabei wird die Temperatur gemessen und mit Blick auf mögliche Covid-19-Symptome nachgefragt: Wie sieht es mit Husten und Schnupfen aus? Gibt es einen Geschmacksverlust? Auch Bauchschmerzen gehören zu möglichen Anzeichen. „Ein Symptom reicht aus, dann läuft der Patient über die Infektambulanz.“ Wer vorher anruft und verdächtige Symptome schildert, darf das Gebäude sowieso nur über die Liegendeinfahrt betreten und kommt so auf kurzem Weg direkt in die Infektambulanz.
Der Arzt entscheidet, ob ein Rachenabstrich entnommen wird. Dann muss der Patient stationär in der Klinik bleiben, bis das Testergebnis vorliegt. Das kann je nach Arbeitsaufkommen im Labor in Karlsruhe zwischen 24 und 48 Stunden dauern, sagt Demuth. Meldungen über Schnelltests sehen Demuth und Andrea Armbrust, Pflegedienstleiterin der Klinik kritisch. Diese seien nicht aussagekräftig genug, sagen sie. Deshalb sei es besser, Patienten sicherheitshalber 24 Stunden isolieren.
Nicht jeder Verdachtsfall bekommt einen Test
Um die Testkapazitäten nicht zu überlasten, wird jedoch nicht allen Patienten mit Covid-19-Symptomen ein Abstrich entnommen. Es gibt auch Fälle, in denen der Arzt den Patienten nach Hause schickt und bittet, sich für 14 Tage zu isolieren. Nicht jeder bekommt also einen Test, „das muss man auch kommunizieren, damit die Leute nicht bei uns Schlange stehen“, sagt Armbrust. Aber jeder mit dem Verdacht auf Covid-19, auch auf einen leichten Verlauf, bleibt unter Beobachtung. Denn das Gesundheitsamt wird in jedem Fall informiert und erkundigt sich in regelmäßigen Abständen nach dem Befinden der Patienten.
Während Früh- und Spätschicht sind jeweils vier Pflegekräfte auf Station, dazu kommen die Ärzte der Infektambulanz und der chirurgischen Ambulanz. Auch die Internisten und der Infektiologe stehen bereit, sagt Demuth. Denn ab und zu ist richtig viel los.
Etwa 20.000 Menschen werden insgesamt jährlich in den beiden Notaufnahmen behandelt. Die Patienten kommen mit dem Rettungswagen, aber auch selbst zu Fuß oder mit dem eigenen Auto. Die oft berichtete Zurückhaltung könne derzeit zumindest in Kandel nicht mehr beobachtet werden, sagt Armbrust. „Einen Rückgang gab es nur in der ersten Zeit.“ Jetzt sind sie alle wieder da, auch der frisch entdeckte Zeckenbiss um 2 Uhr oder der Harnwegsinfekt, der mitten in der Nacht behandelt werden muss. Doch selbst wenn es immer wieder Klagen über sinnlose Fahrten mit Rettungswagen gibt: „Wer Angst hat, hat jedes Recht in das Krankenhaus zu gehen“, betont Demuth.
Im Zweifel den Rettungswagen rufen
Oft meldeten sich Patienten telefonisch und beginnen Symptome zu schildern, bei denen bei den Fachfrauen sofort die Alarmglocken klingen. „Ich sage dann direkt, sie sollen die 112 anrufen“, sagt Demuth. Schließlich soll keine wichtige Zeit mit Schilderungen am Telefon verschwendet werden. „Bei Herzstechen und Atemnot nicht lange überlegen“, sagt auch Armbrust. Sie erinnert sich an einen Fall, in dem die eigene Anfahrt zur Klinik mit einem schweren Unfall endete, weil der Fahrer am Steuer einen Herzinfarkt erlitt. Auch bei Todesangst sollte man direkt den Krankenwagen rufen.
Das Spektrum reicht allerdings über Infarkte und Schlaganfälle hinaus: Menschen mit Migräneanfällen oder Wunden nach Stürzen oder Schnittverletzungen landen ebenfalls in der Notaufnahme. Derzeit kämen vermehrt Unfälle bei der Gartenarbeit dazu – wenn zum Beispiel der Rasenmäher gereinigt wird, während er noch läuft. Einzugsbereich ist dabei nicht nur der Landkreis: Wenn sich Radler aus dem Badischen oder Arbeiter aus dem Elsass verletzen, liegen sie ebenfalls in Kandel oder Germersheim im Klinikbett. „Wir behandeln alle gleich“, sagt Demuth, die selbst jeden Tag über die Grenze fährt, mit Blick auf derzeitige deutsch-französische Animositäten.
Der Verdacht auf Herzinfarkt hatte sich bei dem Mann aus dem Landkreis übrigens zum Glück nicht bestätigt. Allerdings verbrachte er zur Abklärung der Herzprobleme noch mehrere Tage in der Klinik. Der Schrecken sitzt noch immer tief. Und nächstes Mal wird sicher die 112 gewählt.
Notrufnummern
Bei dem Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus: 116117