Kreis Germersheim „Ich kann Michael nicht ersetzen“
Wenn Steffen Andres von seinem Job als Chemielaborant nachmittags nach Hause kommt, kümmert er sich um die Feuerwehr – auch um „administrative Dinge“. Der 31-jährige Westheimer Wehrführer ist nämlich neuer Wehrleiter der Verbandsgemeinde (VG) Lingenfeld und arbeitet sich derzeit in sein neues, zeitintensives Amt ein. Andres folgt Michael Koch nach, der bei der Explosion auf dem BASF-Gelände ums Leben kam (wir berichteten).
Kochs Tod beschäftigt die Wehr noch immer, besonders die in Westheim: „Michael war ein Teil von uns. Er war das Zentrum, um das sich alles gedreht, der alles organisiert hat. Es fehlt nicht nur ein Wehrleiter, sondern ein Freund in unserer Mitte“, würdigt Andres seinen Vorgänger. Wehrleiter werden? Das stand für ihn nie zur Debatte. „Als Michael Wehrleiter wurde, war für uns klar, der macht das, bis er mit 60 Jahren aus dem aktiven Dienst ausscheiden muss. Das Amt ist bei ihm in guten Händen gewesen“, sagt Andres. Dass er mit zehn Jahren in die Westheimer Jugendfeuerwehr eintrat, hat Andres seinem Freund Rouven Schlick zu verdanken, der ihn damals mitzog: „Das hat Spaß gemacht. Die Ausbilder waren cool“, lobt er die „gute Jugendarbeit“. Folge: Andres konnte es kaum erwarten, einen „eigenen Melder“ zu bekommen, mit 16 Jahren zur aktiven Wehr zu wechseln. Dort erlebte er „einen fulminanten Start“: Schon in der ersten Woche rückte er zum Sportheim-Brand in Lustadt mit aus, baute die Wasserversorgung mit auf und war bei der Brandwache dabei. Seit 2015 fungiert der Oberbrandmeister als Westheimer Wehrführer. Am 16. Februar wählten ihn die Wehrführer aus der VG einstimmig zum neuen Wehrleiter, am 26. April nahm Bürgermeister Frank Leibeck (SPD) Andres’ Verpflichtung vor: „Nach dem Tod von Michael haben wir bewusst ein halbes Jahr verstreichen lassen. Er hatte auch schon so weit vorgeplant, dass das Tagesgeschäft weitergelaufen ist“, sagt Andres. Der neue Wehrleiter, der keinen Gegenkandidaten hatte und sich selbst gewählt hat („Enthaltung stand nicht auf dem Stimmzettel“), freut sich, alle sechs Stimmen erhalten zu haben. Damit hatte er nicht gerechnet. Er räumt ein, dass Christoph Stoll, der Wehrführer aus Schwegenheim, „ein aussichtsreicher Kandidat“ war. Aus beruflichen und privaten Gründen habe Stoll aber nicht kandidiert. Nach Leibecks Anfrage hat Andres „den Hut in den Ring geworfen“, „eine Art Wahlprogramm“ auf- und das den Wehrführern vorgestellt. „Zum Teil waren die überrascht, dass ich mich bei ihnen melde“, erinnert er sich. Andres weiß, dass der Posten arbeitsreich, er für das Amt noch sehr jung ist, und er bei technischen Hilfeeinsätzen auf der B 9 noch keine Erfahrung hat. Er verspricht: „Ich werde das Amt nach bestem Wissen und Gewissen fortführen. Michael hat einen guten Grundstein gelegt.“ Ist sich aber auch sicher: „Ich kann Michael nicht ersetzen. Die Fußstapfen, die er hinterlassen hat, kann keiner ausfüllen.“ Um das neue Amt gut ausführen zu können, reduziert Andres ab Juni seine Arbeitszeit um zehn Prozent, schaufelt sich also einen Tag in der Woche für die Wehr frei. Ende des Jahres will er zudem das Wehrführer-Amt in Westheim abgeben. Hintergrund: Der Wehrleiter entscheidet auch über die Ausrüstung, die „Wunschliste“ der Wehrführer. Sich selbst Ausrüstung genehmigen will Andres nicht. Und betont: „Ich möchte für alle Wehrführer sprechen können, neutral sein.“ Einige seiner Ziele: die Tagesalarmierungssicherheit weiter gewährleisten zu können, die feuerwehrinternen Arbeitskreise (Schutzausrüstung und Atemschutz) zu fördern und Nachwuchs zu werben. „Wir sind immer froh, wenn wir Schichtarbeiter haben“, sagt Andres angesichts der Tatsache, dass dann einige bei Einsätzen tagsüber zur Verfügung stünden. Er weist darauf hin, dass auch die Wehr dem demografischen Wandel unterliegt, „nicht mehr so ein großer Magnet wie vor Jahren ist“, es Konkurrenzangebote gibt und es zunehmend schwieriger wird, junge Leute zu gewinnen und zu halten. Hierfür müssten „Gerätehäuser und Ausrüstung eine gewisse Attraktivität ausstrahlen“. Andres plädiert dafür, das alte, kleine Gerätehaus in Freisbach zu sanieren. „Improvisieren können, Ideen haben, ist das, was die Feuerwehr ausmacht“, sagt er. „Es ist ein schöner Gedanke, anderen Leuten in Notsituationen helfen zu können, ein wichtiger Dienst in der Gesellschaft.“ Feuerwehr – „das ist eine große Familie“, fügt er an und schwärmt von der Kameradschaft: „Man hilft sich auch privat.“ Apropos privat: Die Wochenenden will sich Andres, sofern möglich, frei halten, sie mit seiner Partnerin verbringen. Er freut sich, dass sie ihn unterstützt, sein Engagement „mit- und erträgt“. Hilfreich dabei: Sie ist bei der Schwegenheimer Wehr und im Rettungsdienst aktiv. Abschließend betont Andres, dass er den Gang zur Feuerwehr nicht bereut: „Das war die beste, wegweisendste Entscheidung, die ich getroffen habe. Ich würde es jederzeit wieder so machen.“