Germersheim
Grabfeld für Muslime: Ein „Akt der Akzeptanz“
Auf der Tagesordnung der Stadtratssitzung: Friedhofswesen. Klingt wenig spektakulär, doch dahinter verbirgt sich ein Thema, das die Germersheimer Bürger, allen voran die Muslime, schon Jahre umtreibt. Die Stadträte sollten entscheiden, ob auf dem Friedhof ein separates Feld für muslimische Begräbnisse angelegt werden soll. Eine Stelle dafür war in den vergangenen Monaten gefunden worden.
Die Wortbeiträge waren zahlreich. CDU-, SPD- und FWG-Fraktion kündigten an, die Fraktionsdisziplin aufzuheben. Jedes Stadtratsmitglied sollte nur seinem Gewissen verpflichtet sein. Die Grünen stimmten geschlossen für das Grabfeld. Sie waren es, die 2020 den Antrag eingebracht hatten, muslimische Bestattungen auf dem Friedhof zu ermöglichen. Bereits 2015 hatte der städtische Beirat für Migration und Integration (BMI) Bestattungen nach islamischen Riten gefordert. Einige Kriterien wurden in den Folgejahren erfüllt: Eine rituelle Waschung ist auf dem Friedhof möglich, die Toten können ohne Sarg im Leintuch mit Blick nach Mekka beerdigt werden. Das eigene Gräberfeld blieb ein Streitpunkt – bis zur Entscheidung am vergangenen Donnerstag.
Viele Städte haben Grabfelder
Ein mehrfach geäußertes Argument dagegen: Ein separates Feld bedeute Ausgrenzung; auf dem Friedhof gestreute muslimische Gräber Integration über den Tod hinaus. Der BMI hatte in der Vergangenheit mehrfach geäußert, dass ein Gräberfeld zur muslimischen Bestattungskultur in Deutschland gehöre. Bundesweit gibt es mehr als 300 solche Gräberfelder, auch in umliegenden Städten wie Landau, Speyer oder Philippsburg. „Der Entwurf bildet genau den Wunsch ab, den die muslimischen Gemeinden hatten“, sagte Yunus Erkök, der BMI-Vorsitzende, vor dem Plenum. Die Zustimmung des Stadtrats wäre „ein Riesenakt der Akzeptanz“.
Der Antrag eines CDU-Mitglieds, in geheimer Wahl abzustimmen, damit sich niemand „unter Druck gesetzt fühlt“, scheiterte an der erforderlichen Zweidrittel-Mehrheit. Schließlich gingen 18 Hände für ein Gräberfeld hoch, 12 Stadträte stimmten dagegen, bei einer Enthaltung. Es folgte Applaus nach der Entscheidung – auch von den Kritikern.
Zuerst wird aufgeräumt
Jeder Muslim hat nun die Wahl, nach seinen Vorstellungen bestattet zu werden – im Gräberfeld oder außerhalb. „Zuerst muss aufgeräumt werden“, sagte die Landschaftsarchitektin Bettina Krell. Sie hatte vor dem Beschluss einen groben Entwurf für das Gräberfeld vorgestellt. Es soll am Weg zum Vogelpark liegen und Platz für 25 Gräber haben. Krell rechnet mit Kosten zwischen 50.000 und 70.000 Euro.
Fast jeder vierte Bürger in Germersheim ist laut BMI muslimisch. Bislang werden die meisten Verstorbenen ins Ausland überführt und dort beerdigt. Auch andere Kommunen schaffen Bestattungsformen, die den Bedürfnissen von Migranten entsprechen. In Kandel erarbeitet derzeit ein Arbeitskreis aus Mitgliedern der Stadtspitze, Verwaltung, des städtischen BMI und externen Beratern ein Konzept für ein muslimisches Gräberfeld.
