Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Gewerkschafter in Jockgrim geehrt: Streikgeld im Streiklokal verteilt

Geehrte und Ehrende: Günther Tucholke, Ralf Köhler (erster Bevollmächtigter der IG Metall), Otto Kolbenschlag, Adolf Wagner und
Geehrte und Ehrende: Günther Tucholke, Ralf Köhler (erster Bevollmächtigter der IG Metall), Otto Kolbenschlag, Adolf Wagner und Harald Lange (zweiter Bevollmächtigter). Foto: van

Streikwellen, Streiklokale, Streikgeld – daran können sich noch viele von ihnen erinnern. Das Mitgliederverzeichnis der IG Metall Neustadt listet für dieses Jahr 541 Jubilare auf, die seit 25, 40, 50, 60 oder sogar 70 Jahren der Gewerkschaft angehören. Sie alle wurden am Freitag im Bürgerhaus von der Gewerkschaft geehrt. Dabei erzählten die Ur-Gesteine spannende Geschichten aus der Vergangenheit.

Von den sechs Gewerkschaftsmitgliedern, die 1949 eingetreten sind, waren drei nach Jockgrim gekommen. Es war zum einen Guenther Tucholke, der sich als Lehrling in einer Schmiede in Niedersachsen der Gewerkschaft anschloss, später bei Demag in Bad Bergzabern und danach bei der Firma Singer in Karlsruhe gearbeitet hatte. Der zweite 70er-Jubilar war Otto Kolbenschlag. Er wohnt in Wörth und trat am ersten Februar 1949 der Gewerkschaft bei. „Ich begann bereits zwei Jahre vorher, mit gerade 13 Jahren, eine Lehre als Maschinenschlosser bei der Maschinenfabrik Geiger in Karlsruhe“, erinnert er sich gut. Der damalige Betriebsratsvorsitzende ermunterte den Jugendlichen zum Eintritt in die Arbeitnehmervertretung, für die sich Kolbenschlag später als Kassierer der Mitgliedsbeiträge engagierte.

Mangels Zügen ging es zu Fuß über die Rheinbrücke

Der damals in Maximiliansau lebende Lehrling musste morgens zu Fuß erst einmal über die Rheinbrücke laufen, denn die Züge fuhren erst ab der badischen Rheinseite. „Am Westbahnhof stieg ich wieder aus.“ Später nahm er auch das Fahrrad, um zur Arbeit zu gelangen, „ich hatte ein Rad mit Vollgummireifen.“

Die Gewerkschaft brauchte er während seines Arbeitslebens nie, er unterstützte sie aber auch während einer großen Streikwelle, weil er zu der Zeit schon ein Auto hatte. „Damit fuhr ich nach Karlsruhe, um das Streikgeld zu holen, das dann im Wörther Streiklokal an die Kollegen ausgegeben wurde.“

Als Betriebsratsvorsitzender den Konkurs miterlebt

„Ich komme vom Holz, denn ich habe Schreiner gelernt“, sagte Adolf Wagner aus Bellheim, der dritte „70er“. Am 1. September 1949 trat er in die Gewerkschaft Holz und Kunststoff ein, die im Jahr 2000 in die IG Metall integriert wurde. Seine Lehre begann er bei der Firma Theile Büromöbelfabrik in Speyer und blieb dort 38 Jahre. Wagner wurde zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt und erlebte in dieser Funktion auch den Konkurs des Traditionshauses. „Wir bauten Möbel für Behörden und Ämter, die Nachfrage nach stabilen Büromöbeln ging aber immer mehr zurück, so dass die Möbelfabrik schließlich Konkurs anmelden musste.“

Das sei für ihn und seine Kollegen eine schwere Zeit gewesen, die neben der körperlich anstrengenden Arbeit auch bei Adolf Wagner bleibende Schäden hinterließ. „Das Schleppen der schweren Schränke ging auf den Rücken, früher gab es keine guten Tragehilfen oder Krananlagen in den Werkstätten.“

Nach dem Schließen seines ersten und einzigen Arbeitgebers konnte er früher in Rente gehen. „Ich habe diesen Umstand jedoch der Gewerkschaft zu verdanken, die mich vor dem Sozialgericht vertrat.“ Dort hatte er erfolgreich geklagt, um als Frührentner anerkannt zu werden. Damit hatte er neben seinem Engagement als Betriebsratsvorsitzender auch „einen persönlichen Nutzen“ von seiner Mitgliedschaft in der Gewerkschaft, zieht er ein Fazit.

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