Kreis Germersheim „Gedankenschmuggler“ sprengt Grenzen im Kopf

Der evangelische Buß- und Bettag mahnt zu Einsicht und Gesinnungsänderung. Dazu ermunterte auch der elsässische Theologe, Publizist, Kabarettist und Filmemacher Martin Graff. Er hielt am Mittwochabend die Gastpredigt, die zentralen Gottesdienst der Bienwaldgemeinden in der Ludowici-Kapelle gehört.
In Graffs mehrfach ausgezeichnetem Werk dominieren die Themen Grenze, Minderheit und Religion. Warum, erfahren die Anwesenden schnell. 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkriegs betont der leidenschaftliche Grenzgänger in lebendiger Sprache, dass im heutigen Europa zwar alte Grenzen verschwunden, in den Köpfen aber längst neue entstanden seien. Krisenzeiten begünstigen die fatale Wirksamkeit alter Klischees und neuer Vorurteile. An Beispielen mangelt es ihm nicht. Die so lange umkämpften, leidgeprüften Elsässer besitzen ein feines Gespür. Heimat und Herkunft haben ihn tief geprägt. Bereits 1914 wurde sein vom Frontverlauf gespaltener Geburtsort Stosswihr im südelsässischen Münstertal fast ausgelöscht, die Familie bis Kriegsende auseinander gerissen. Drei Jahrzehnte später verblutete Graffs Vater als zwangsrekrutierter Wehrmachtssoldat in Polen. Dessen Bild in französischer Uniform - aufgenommen 1939 - hing noch zuhause, als der Sohn mit einer Schar junger Franzosen 1964 seine erste ausgedehnte Deutschlandreise unternahm. Wie also lebt man mit verschiedenen Zugehörigkeiten? Wie denkt man mit der Mentalität verschiedener Völker? Schafft es die Kirche besser als die Politik, die Kopfgrenzen zu sprengen? Was für eine Rolle spielen die Pfalz und das Elsass in Europa? Sind sie Vorreiter oder im Schlepptau von Paris und Berlin? – Schwierige Fragen, denen er mit dem befreienden Motto begegnet: Hänge deine Wurzeln an die Luft und klettere auf die Sterne. Raus aus deiner Angst. Erst dann blickst du über die Grenzen ins andere Land, ins andere Herz. Erst dann blickst du über die Grenzen ins eigene Land, ins eigene Herz. Engagiert plädiert er für die Mehrsprachigkeit möglichst vieler Menschen. Sie ermöglicht, die kulturellen Wurzeln und Gedanken der anderen und dadurch sich selbst verstehen zu lernen. Dann können Toleranz und Friedensfähigkeit gedeihen. So schmuggelt Graff unentwegt Gedanken, und zwar im ständigen Sprach- und Perspektivwechsel. Seine Schmuggelwege sind jedoch keine engen Einbahnpfade, sondern breite, einladende Panoramastraßen, die den Blick weiten: Kritisch, nachdenklich und verständnisvoll beschäftigt er sich mit dem Verhältnis von Elsässern, Franzosen und Deutschen. Diesem schwierigen Dreiecksverhältnis hat er liebevoll spöttelnd zahlreiche seiner Filme, Bücher und vor allem die deutsch-französischen Zeitungskolumnen gewidmet. Regelmäßig erscheinen seine Beiträge auch in der Samstagsausgabe der RHEINPFALZ. Elsässer sind Menschen, sagt Graff, die sich über die deutschen und französischen „Patr-idio-ten“ gleichermaßen lustig machen. Manchmal wird ihnen das sehr einfach gemacht: Auf einem Neujahrsempfang im elsässischen Truchtersheim teilte Staatspräsident Nikolas Sarkozy den Geladenen mit, dass „er gerade in Deutschland“ sei. Graffs Anekdote kommt an. Nach dem Gottesdienst folgte das Publikum der Einladung zum Gespräch.