Kreis Germersheim
Friseure bereiten sich auf Start unter großen Auflagen vor
Die Strähnen sind nach Wochen rausgewachsen, die Spitzen kaputt, Bärte sprießen in alle Richtungen, der schicke Haarschnitt ist hinüber. „Wir sind die ersten acht Tage restlos ausgebucht“, erzählt Reinhard Schneider, Obermeister der Friseur-Innung Weinstraße Nord-Germersheim. Die Kunden müssten sich nach der Zwangspause aber auf einige Änderungen einstellen. Trockenhaarschnitte wird es nicht geben, ebenso wenig einen Kaffee oder eine Zeitschrift zum Durchblättern, denn Bewirtung ist „leider Gottes“ verboten. Penible Hygienevorschriften und Abstände zwischen den Plätzen sind einzuhalten, Wartebereiche gibt es nicht, Kundenkontakte müssen dokumentiert werden.
In seinem Neustadter Salon hat Schneider wegen der großen Nachfrage die Öffnungszeiten in den Abend hinein verlängert, die Angestellten arbeiten in Schichten. Nur wer angemeldet sei, komme dran. „Wir Friseure kommen wohl nicht drumherum, die Preise zu erhöhen“, sagt der Landesinnungsmeister. Das gefalle ihm nicht, aber der Mehraufwand durch hohe Sicherheitsvorschriften müsse finanziert werden.
Nicht jede Maske ist geeignet
„Wir können wegen weniger Kunden als sonst bedienen“, sagt Jannick Müller, Inhaber des Salons Auszeit in Kandel. Allein die Reinigung und Desinfektion der Plätze und Arbeitsgeräte nach jedem Kunden koste enorm Zeit. Der Mehraufwand soll auf die Preise umgelegt werden. Dass jeder Kunde einen frischen Umhang bekomme, sei bei ihm schon immer so gewesen. Neu ist: Nach jedem Kunden wechseln die Mitarbeiter ihren Mundschutz, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Zehn waschbare Masken hat er für jeden seiner acht Angestellten besorgt. Kunden, die keinen eigenen Mund-Nasen-Schutz mitbringen, bekommen einen, zum Selbstkostenpreis. „Ich hab früh vorgesorgt und 950 Einwegmasken bestellt“, sagt Müller. Es gebe nämlich für den Friseurbesuch ungeeignete – etwa solche, die hinten am Kopf gebunden werden.
Statt fünf Tage die Woche arbeiten Jannick Müller und sein Team ab Montag sechs, der Ruhe-Mittwoch ist wegen der großen Nachfrage gecancelt. Auch die angestellte Vollzeit-Kosmetikerin kommt wie die anderen Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurück. Wimpern färben oder Augenbrauen zupfen – all das geht zwar nicht. Denn „gesichtsnahe Dienstleistungen“ sind noch nicht erlaubt. Dafür gibt es an der Rezeption viel zu managen und im Salon viel zu desinfizieren.
Finger weg von Männerbärten
Schon drei Wochen vor der Corona-Pause hatte Gülbahar Bican eine Aushilfe eingestellt, die sich nur um die Desinfektion der Bürsten, Kämme und Arbeitsflächen in ihrem Rülzheimer Salon gekümmert habe. Jetzt wurden die Sicherheitsvorschriften noch mal erhöht. Die Vorgaben treffen sie besonders hart, denn auch ein Barber-Shop mit drei Mitarbeitern gehört zum Geschäft. Und Bartpflege ist auch nach der Wiedereröffnung tabu.
„Do-it-yourself“-Haarschnitte gehen schief
Skeptisch ist sie, was die Öffnung am Montag angeht, nachdem vergangene Woche ein Schreiben des Ordnungsamts bei ihr ins Haus flatterte, wonach Friseursalons bis einschließlich 6. Mai geschlossen bleiben. Rund 30 Kunden, die bereits einen Termin vereinbart hatten, hat sie danach wieder abgesagt. Momentan sei in der Schwebe, ab wann es tatsächlich wieder losgeht, sie geht aber - wie die beiden Kollegen Schneider und Müller - von kommendem Montag aus. „Jeder sagt was Anderes“, meint Gülbahar Bican. Die endgültige Entscheidung soll am 30. April fallen. Deswegen bleibe ihr Handy auch am Feiertag für kurzfristige Terminabsprachen eingeschaltet.
Eins ist sicher: „Die Kunden können es kaum abwarten.“ Sie weiß von einigen, bei denen „Selbstbehandlungen“ ein wenig schief gegangen sind, die Haare einen Grünstich danach hatten oder der Pony zu kurz geraten war. Die Friseurin versucht, ohne Aufpreise weiterzumachen: „Dass die Kunden kommen, ist mir wichtiger als zwei Euro mehr.“
Zur Sache: Ungewissheit zum Start
Viele Friseure sind verunsichert, was den Eröffnungstermin ihrer Salons betrifft. Schuld daran ist die jüngste Corona-Bekämpfungsverordnung des Landes, nach der die Salons bis 6. Mai geschlossen bleiben. Hingegen haben die Kanzlerin und Ministerpräsidenten in einer Telefonkonferenz beschlossen, dass Friseure bereits am 4. Mai wieder öffnen dürfen, sofern das Infektionsgeschehen dies zulässt. „Sie sollen sich auf eine Öffnung am 4. Mai einrichten“, bestätigte das Gesundheitsministerium am Dienstag auf Anfrage. Das Land werde „rechtzeitig dafür Sorge tragen, dass die nötige Rechtssicherheit herrscht.“ Die Auflagen hat die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege aufgelistet. Unter anderem dürfen nur gewaschene Haare frisiert werden, Bärte gar nicht, Abstand zwischen den Plätzen muss gewahrt sein. Ohne Mundschutz für Kunden und Friseure geht nichts. naf