Kandel
Frühchen überrascht Klinik-Team
Zu Fuß war eine rumänische Erntehelferin am Mittwoch gegen 14 Uhr in die Notaufnahme gekommen. Schnell stellte sich heraus, dass die junge Frau kurz vor der Entbindung stand, der Gynäkologe Karl Kunz wurde alarmiert. „Als ich ankam, haben schon alle mitgefiebert“, sagt der Mediziner. Eine besondere Situation für alle Beteiligten, zumal die Geburtshilfe in der Klinik seit Februar 2017 geschlossen ist. Die Notaufnahme war erst am Dienstag wieder geöffnet worden. Der Betrieb in der Klinik ist noch stark eingeschränkt, seit ein Altkleidercontainer in der Nacht auf den 2. Januar in Brand geraten war und auf die Klinik überzugreifen drohte.
Die werdende Mutter befand sich erst in der 25. Schwangerschaftswoche. Damit war klar: Es handelt sich bei dem Kind um ein extremes Frühchen, das dringend auf einer entsprechend ausgestatteten Station versorgt werden muss. Doch in Kandel gibt es nicht einmal mehr einen Kreißsaal oder Hebammen. Eine weitere Komplikation: Die junge Frau sprach „kein Wort Deutsch“, sagt Kunz. Hier konnte glücklicherweise eine Mitarbeiterin der Klinik als Dolmetscherin aushelfen.
Geburt im Schockraum der Notaufnahme
Zusammen mit seinem Team versorgte Kunz die Frau im sogenannten Schockraum. Das ist der Bereich in der Notaufnahme, in der Menschen untersucht und behandelt werden. „Das war einzige, was wir im Moment, nach dem Brand haben“, sagt Kunz. „Das war ein Glück.“ Sonst hätte die Frau wohl auf dem Flur entbinden müssen.
Und so kam zum ersten Mal seit fünf Jahren in Kandel ein Kind auf die Welt. Eine natürliche Geburt eines noch sehr kleinen Jungen, der zirka 500 Gramm wiegt, schätzt Kunz. Denn entsprechende Waagen gibt es in der Klinik nicht mehr, natürlich keine kleinen Beatmungsschläuche. Das Kind musste „kurz reanimiert werden“, schildert Kunz, eine Beatmungsmaske kam kurz zum Einsatz. Der Mediziner merkt an: „Es hat dann aber schon kräftig geschrien.“
Kurz darauf waren die Kollegen vor Ort: „Der Kindernotarzt kam aus Speyer, dazu ein Transporter samt Brutkasten aus Landau“, sagt Kunz. Mutter und Kind wurden in die Speyerer Klinik verlegt. „Wir wünschen den beiden alles Gute. So eine Geburt war für uns auch wieder etwas Schönes“, sagt Kunz. „Der Zustand des Kindes ist stabil, die Mutter ist wohlauf“, heißt es auf Nachfrage am Donnerstagnachmittag aus dem Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus in Speyer. „Es gab also ein glückliches Ende.“
Intensivstation musste geräumt werden
Ein Lichtblick in der Kandeler Klinik, für die das Jahr mit einem Schock begonnen hatte. Die Folgen des Brandes beeinträchtigen den Alltag in der Klinik auch in der Woche nach dem Feuer. So musste eine Intensivstation dann doch noch geräumt werden. Der Isolierbereich, in dem die Covid-19-Patienten aus dem Landkreis versorgt werden, zog in die reguläre Intensivstation. Die dort behandelten Patienten der sogenannten Chest-Pain-Unit wiederum wurden in Betten in direkter Nähe zur Intensivstation verlegt. Bei der Schlaganfallversorgung konnten viele Patienten auf eine Regelstation wechseln.
Hintergrund der Schließung der Isolierstation ist, dass noch am Sonntag ein Sachverständiger für Lüftungsanlagen vor Ort war. Dort müssten nun die Filter ausgetauscht werden, erst dann seien die Räume wieder nutzbar, erläutert Geschäftsführer Frank Lambert. Das gilt auch für die Operationssäle. Diese sind seit dem Brand geschlossen.
Die neuen Filter kommen nächste Woche, hofft Lambert. Dann müssen sie eingebaut und „beprobt“, also streng überprüft werden, zum Beispiel was eine Belastung mit Keimen angeht. Erst dann können die Räume wieder genutzt werden. „Wir können nicht operieren“, sagt Lambert. Das bedeutet zum Beispiel, dass chirurgische Eingriffe und die Schlaganfallversorgung am Standort Kandel derzeit nicht möglich sind.
Eine Prognose, bis wann die Schäden beseitigt werden können, wagt der Geschäftsführer noch nicht. Vertreter der Versicherungen und Sachverständige waren vor Ort, seit Mittwoch laufen die Aufräumarbeiten. Nun geht es zum Beispiel darum, wie schnell benötigtes Material geliefert werden kann. Die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei hinsichtlich der Brandursache dauern noch an.