Kandel
Fasnacht ohne Prunksitzungen?
Fasnacht und Corona: Die gut besuchten Faschingsveranstaltungen im nordrhein-westfälischen Heinsberg hatten zu Beginn der Pandemie dazu beigetragen, das Coronavirus in der Region schnell zu verbreiten. Doch was bedeutet das für die Kampagne 2020/2021? Die Narren stehen vor einem Dilemma. „Wir halten am Kandeler Weg fest: Ruhig bleiben und situativ entscheiden“, sagt Bikage-Präsident Markus Jäger-Hott auf Anfrage der RHEINPFALZ.
Erst am Mittwoch hatte die Bienwald-Karnevalsgesellschaft (Bikage) bei einer Vorstandssitzung über die Situation beraten. Die Bikage zählt derzeit gut 800 Mitglieder, darunter sind 270 Aktive. „Viele Mitglieder machen sich viele Gedanken“, sagt Jäger-Hott. Das Spektrum der Meinungen reiche von „wir können garnichts machen“, bis „wir versuchen, etwas unter Auflagen zu machen.“ Entschieden wurde zunächst einmal, dass man sich jetzt noch nicht entscheiden will.
Prall gefüllte Hallen sind nicht denkbar
Der Rathaussturm am 11. November wäre ja nach heutigen Vorgaben schon möglich, gibt Jäger-Hott zu bedenken. Aber über diese Veranstaltung könne man zum Glück kurzfristig entscheiden. Etwas anders sieht es beim Herzstück der Bikage-Kampagnen aus, den Prunksitzungen. Eine prall gefüllte Bienwaldhalle mit gut 500 Besuchern ist derzeit kaum vorstellbar. Doch da die Prunksitzungen quasi den Markenkern darstellen, will Jäger-Hott sie auch nicht mit einer abgemilderten Form verwässern.
Auftritte vor leeren Stühlen, die dafür gestreamt werden? Kaum denkbar, schließlich lebt die Fasnacht von der Interaktion. Stattdessen kann sich Jäger-Hott vorstellen, angesichts von Corona vielleicht ein ganz anderes Format zu wagen. Allerdings kann die Entscheidung nicht so kurzfristig fallen, wie beim Rathaussturm. Bühnenbilder und Showprogramm benötigen viel Zeit und Ressourcen.
Über eine Saison hinweg entstehen der Bikage mehrere Tausend Euro an Hallenkosten, sagt Jäger-Hott. Würden die Prunksitzungen wegen des Abstandsgebots nur in einer halbvollen Bienwaldhalle stattfinden können, hätte der Verein deutlich weniger Einnahmen. Es wäre auch die Frage, welches Interesse dann die Sponsoren hätten – so diese die Krise überhaupt entsprechend gut überstanden haben. Und ganz abgesehen davon: „Ein Gemeinschaftsgefühl ist mit Abstand schwierig.“
Alle Sorgen ernst nehmen
Derzeit trainieren die Garde und die Schautanzgruppe. Erst traf man sich online, danach im Freien. Im Moment werde zusammen mit der Stadt ein Hygienekonzept entwickelt, damit auch in einer Halle geprobt werden kann. Jäger-Hott hat Verständnis dafür, wenn sich zum Beispiel „ein Gardemädel Sorgen macht“ – sei es, weil die junge Frau selbst einer Risikogruppe angehört, oder an ihre Omas denkt. „Wir müssen die Rahmenbedingungen bestmöglich gestalten.“ Mit der Stadt Kandel könne man vielleicht über eine günstigere Hallenmiete sprechen.
Die Entscheidung über die Kampagne 2020/2021 soll nach den Sommerferien bei einer großen Vorstandssitzung fallen. Das Treffen wird nicht digital stattfinden, sondern mit Präsenz, möglichst in der Bienwaldhalle. Bis dahin hätten schon wieder größere Veranstaltungen stattgefunden und es gebe einen Erfahrungsschatz im Umgang mit der Pandemie, sagt Jäger-Hott.
Fasnacht im Sommer noch verboten
Dann sollen aus den 21 Gruppen jeweils die Verantwortlichen und „zwei, drei Hauptakteure“ dabei sein. „Wir sind ein sehr demokratisch organisierter Verein“, sagt Jäger-Hott lachend. Jedes Gefühl der Mitglieder, auch jedes ängstliche Gefühl, werde ernst genommen, betont er. „Vielleicht geht dann auch eine Entscheidung gegen mein eigenes Gefühl.“ Ein kompletter Ausfall der Kampagne wäre weiter auch möglich. Das wäre „schwierig, aber machbar“.
Etwas enttäuscht ist Jäger-Hott von den Aussagen des Dachverbandes. Es sei durchaus nachvollziehbar, dass eine Absage empfohlen werde, sagt er. Doch es fehlen ihm Impulse, „wie man das Brauchtum durch diese Krise bringt.“ „Das ist eine verpasste Chance.“ Er könnte sich auch Fasnachtsveranstaltungen im Freien und im Sommer vorstellen. Doch das ist derzeit von Verbandsseite noch untersagt.