Kreis Germersheim Für jedes Unwetter gewappnet
Juni 2010: Der Schaden ist immens. Betroffen sind die Obst- und Gemüsefelder in der Vorder- und Westpfalz. Knapp 5000 Hektar Weinanbaufläche und eine ebenso große Fläche Ackerland werden beschädigt. Der Verursacher sind Hagelkörner. Vorfälle wie dieser zeigen, wie ausgesetzt der Mensch der Natur sein kann. Reinhold Hörner wollte nicht ausgeliefert sein. Der Winzer und Landwirt aus Hochstadt wollte etwas gegen Hagelschäden unternehmen. „Damals habe ich noch gar keine Ahnung gehabt von der Hagelfliegerei“, gibt Hörner zu. Er fuhr nach Österreich, um sich bei einem Hagelabwehrverein nahe der Donau über Methoden und Voraussetzungen informieren – und gründete selbst ein Pilotprojekt. Vorbilder gibt es einige, etwa im Rems-Murr-Kreis oder in Traunstein. Schnell interessierten sich viele Verbände und Firmen für den Verein und unterstützten ihn, unter anderem der Weinbauverband Rheinland-Pfalz, Daimler in Wörth, zahlreiche Kommunen, Landwirtschaftsbetriebe und die Landesregierung. Seit Jahren ist Daimler eines der finanzstärksten Mitglieder des Vereins. Für den Auto- und Lkw-Hersteller ist es wichtig, dass die neuen Fahrzeuge während ihrer Lagerung auf dem Daimler-Gelände in Wörth nicht durch Hagelkörner beschädigt werden. Hörner entschied sich bei der Hagelbekämpfung für ein Silberjodid-Aceton-Gemisch, das über zwei Rauchgas-Generatoren verbrannt und in der Luft versprüht wird. Durch den Auftrieb soll die Hagelbildung angeregt werden, wodurch das einzelne Korn kleiner und harmloser bleibt. Unter Meteorologen ist diese Methode umstritten, doch Hörner sieht keine Alternativen. „Man kann die Hagelbildung durch das Silberjodid-Aceton-Gemisch nicht hundertprozentig verhindern“, sagt er. „Aber unsere Erfahrung zeigt, dass es etwas bringt. An den Stellen, über denen die Flugzeuge geflogen sind, musste nie ein Hagelschaden bezahlt werden.“ Wichtigste Voraussetzung sind entsprechende Flugzeuge. „Hagelflieger müssen sehr robuste Flugzeuge sein mit einem starken Motor“, erklärt der Geschäftsführer des Vereins, Dirk Gerling. Diese würden umgebaut und mit Rauchgasgeneratoren ausgestattet. Hörner kaufte einen alten Flieger, eine Cessna, die eine Werft in Wien hagelabwehrtauglich umbaute. Bis zu 150.000 Euro koste der Umbau und die langwierige Zertifizierung des Flugzeuges. Auch mehrere Piloten, die bereits im Ruhestand waren, fanden sich schnell. „Dadurch, dass die Piloten sich angeboten haben, haben wir quasi den Startschuss bekommen“, sagt Hörner. Inzwischen verfügt der Hagelabwehrverein über acht Piloten und zwei Flugzeuge, eines steht in Bad Dürkheim, das andere in Schweighofen. „Wir haben festgestellt, dass die Hagelabwehr mit einem Flugzeug allein nicht zu bewältigen ist“, sagt Gerling. Der Verein, der heute rund 600 Mitglieder hat und sich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert, deckt große Gebiete der Süd-,Vorder- und Westpfalz ab, darunter die Landkreise Germersheim, Südliche Weinstraße, Bad Dürkheim, den Rhein-Pfalz-Kreis und Teile des Donnersbergkreises. „Mit zwei Flugzeugen können die Piloten das Gebiet von zwei Seiten bearbeiten“, erklärt Gerling. Dazu sind die Piloten mit „Radar-Info“ aus Karlsruhe vernetzt, die jeden Morgen eine Wettervorhersage für den Tag liefern – mit Gewitter – und Hagelwahrscheinlichkeit. Bei Unwetter werden die Piloten, die an diesem Tag im Einsatzplan stehen, von der „Radar-Info“ angefunkt. Während die Flieger im vergangenen Jahr insgesamt sieben Einsätze geflogen sind, waren es 2017 hitzebedingt schon 18 Einsätze. Allein über Pfingsten rückten die Piloten elf Mal aus. „Das ist das erste Jahr, in dem wir dafür perfekt ausgerüstet sind“, sagt Hörner. Und es hat sich gelohnt.