Kreis Germersheim Erst war der Orgelbauer pleite, dann schlug der Blitz ein
Die protestantische Kirche in Westheim feiert ihren 225. Geburtstag. Die eisernen Ziffern auf der Vorderseite des Gebäudes bezeugen, dass 1791 Baubeginn war. 1792 wurde das Gotteshaus seiner Bestimmung übergeben. Vorher stand an gleicher Stelle eine baufällige Kapelle, die vom Ortsbegräbnisplatz umgeben war.
Die Pfarrkirche wurde vom Speyerer Domkapitel erbaut - eine Seltenheit für evangelische Gemeinden in der Pfalz. Pfarrer Johannes Schiller, von 1854 bis 1886 in Westheim tätig, schreibt in seinem Buch: „Das Innere der Kirche ist sehr akustisch gebaut, hat eine Länge von 23,76 Meter, eine Breite von 14,30 Meter und eine Höhe von 15,26 Meter. Sie ist auf drei Seiten mit einer Emporbühne versehen. Sie erhält das nötige Licht durch 14 Fenster und hat zwei Türen, jedoch nur einen Ein- und Ausgang, der sich in wirklichem Gebrauche befindet.“ Der Turm mit den drei Glocken wurde auf die Kirche gebaut. 1842 wurden unter Bürgermeister Andreas Haaff „in die Decke der Kirche neue Balken eingezogen, die Emporbühne verrohrt, die Kirchstühle vermehrt, ein neues Bodenbeleg gefertigt und das innere Holzwerk mit heller Ölfarbe bestrichen“. 1868 wurde unter Ortsvorsteher Heinrich Schnebele „das ganze Innere der Kirche renoviert“. Ein steinerner Altar ersetzte den Tisch. Chor und Türe wurden erhöht, die Kirchstühle und die Emporbühne mit bräunlicher Ölfarbe angestrichen. Auch außen erhielt die Kirche einen neuen Anstrich. 1984 wurde das Taufbecken eingeweiht: Die in Bronze gegossene Abdeckung, eine Friedenstaube über Wellen, modellierte der Speyerer Bildhauer Georg Zeuner. Die Karlsruher Glockengießerei stellte die Abdeckung her. Die Geschichte der Orgel geht aus Schöffenratsbeschlüssen sowie Protokollen und Berichten der Bürgermeisterei hervor. Demnach vereinbarte die protestantische Gemeinde 1817 mit dem Orgelbauer Andreas Upphaus (Heidelberg) die Aufstellung einer neuen Orgel „um die Summe von 850 Gulden“. Um besser arbeiten zu können, erhielt Upphaus gleich 283 Gulden in bar. Laut Vertrag sollte die Orgel schon am Pfingstfest 1818 „ganz beendigt aufgestellt seyn“. Im Frühjahr wurde Upphaus wegen Schulden gerichtlich verfolgt, sodass die Gemeinde keine Hoffnung mehr haben konnte, „je ihre Orgel aufgebauet zu seyn“ und ihren Vorschuss schon für verloren hielt. Um das Geld zu retten, war die Gemeinde Ende 1819 genötigt, „den fraglichen Upphaus mit seinen zwei Gesellen nach Westheim zu nehmen und alle Materialien anzuschaffen, damit er das Werk in Westheim verfertigen konnte“. So brachte man zustande, dass die Orgel „schon im März 1820 doch noch gänzlich fertig aufgestellt war“. 200 Gulden kamen durch Spenden zustande, die die Erben des nach Amerika ausgewanderten Valentin Batteiger gaben. 677 Gulden ergaben Almosen und freiwillige Beiträge der Bürger. 450 Gulden nahm man aus der Gemeindekasse. 1895 lieferte die Hoforgelbauerfirma Voit (Durlach) ein neues Kegelladenwerk. Um 1900 schlug der Blitz in die Orgel ein, sodass eine größere Reparatur erforderlich war. 1984 überholte Werner Waldinger (Germersheim) das Werk und baute wieder das ursprüngliche dreifache Kornett (Orgelregister) ein. 2003 wurde das Pfeifenwerk umfassend überholt und gereinigt. Zwischen 2011 und 2014 mussten immer wieder Bälgchen saniert werden, 2016 kamen Spieltisch und pneumatische Traktur an die Reihe (wir berichteten). TERMINE —Jubiläumsorgelkonzert am Freitag, 22. September, 19 Uhr, Kirche. Dominik Hambel (Kerzenheim) spielt unter anderem Werke von Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Rheinberger. Eintritt frei –Festgottesdienst zum 225-jährigen Jubiläum mit Kirchenpräsident i.R. Eberhard Cherdron und Pfarrer Martin Oesterling, musikalisch gestaltet von Patrick Herrle und Christiane Schmidt, am Sonntag, 24. September, 10 Uhr, Kirche. Im Anschluss Sektempfang – Literarisches Konzert am Sonntag, 24. September, 14.30 bis 16 Uhr, Kirche. Anja Baesch, Patrick Herrle und Markus Sinnwell spielen Orgelwerke, Katrin Lischke-Przygode, Annett Sinnwell, Michael Strentzsch und Martin Oesterling steuern Texte, Geschichten, Gedichte, Psalmen und Parabeln bei. – Kirchenkabarett „Viva la Reformation“ mit der CSU (Christlich Satirische Unterhaltung) und den Wartburg-Brothers am Samstag, 21. Oktober, 19.30 Uhr, Bürgerhaus. Eintritt: 20 (ermäßigt 12) Euro. Karten gibt es in der Bücherei und der Apotheke in Lingenfeld, den protestantischen Pfarrämtern in Westheim, Schwegenheim, Weingarten und Bellheim, im protestantischen Dekanat Germersheim sowie online unter www.evkirche-westheim-lingenfeld.de.