Knittelsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Erst gesunde Ernährung, dann Essstörung

In Neuseeland fand Lea-Sophie zu sich selbst.
In Neuseeland fand Lea-Sophie zu sich selbst.

„Ich konnte einfach nicht mehr, war wie gelähmt. Mir selbst helfen? Mit welcher Kraft? Mit welchem Willen? Ich wusste, es würde der Moment kommen, an dem ich entscheiden musste: leben oder sterben?“ So fasst Lea-Sophie Steiff ihr Gedanken zusammen, als sie am tiefsten Punkt ihrer Essstörung war. Ihre Geschichte und was ihr letztlich aus dem Teufelskreis geholfen hat, hat sie in einem Buch niedergeschrieben.

Behütet auf dem Land und in einer intakten Familie ist die gute Schülerin aufgewachsen, bis sich Anfang der Pubertät alles änderte, wie sich Lea-Sophie im Gespräch mit der RHEINPFALZ erinnert: „Es war eine Zeit voller Veränderungen, damit bin ich schlecht klargekommen.“ Die Ursachenforschung, die in einer Therapie unerlässlich ist, klingt bei ihr eher untypisch: Keine Mobbing-Erfahrungen, keine Ausgrenzung, keine großen Verluste. Dennoch nahm das Gefühl zu, die Kontrolle zu verlieren, und der Gedanke war: „Wenn ich schon mein Umfeld nicht im Griff habe, dann wenigstens mich selbst“.

Das junge Mädchen fing an sich für gesunde Ernährung zu interessieren und ein Sportprogramm in ihren Alltag zu integrieren. Was anfangs ein gesundes Interesse war, wurde nach und nach zu einer Essstörung, die am kritischsten Punkt angekommen zu einem lebensbedrohlichen Gewicht von 36 Kilo führte. „Mein Umfeld hat relativ früh gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Aber ich habe das nicht so gesehen und nichts von außen angenommen“, sagt Lea-Sophie in der Rückschau.

Keine Hilfe in der Klinik

Im November 2014 erfolgt ein erster Klinikaufenthalt. Auch dieser nimmt einen eher untypischen Verlauf. „Eigentlich ging die Essstörung danach erst richtig los“, sagt Lea-Sophie. Sie ist kritisch mit den entsprechenden Kliniken und Konzepten, würde aber niemanden mit einer Essstörung von einer Therapie oder einem Klinikaufenthalt abraten. Bei ihr hätten die Versuche der Therapeuten jedoch keinerlei Erfolg gezeigt. Sogar das Wort „untherapierbar“ sei irgendwann gefallen. Was folgt, waren zähe Jahre zwischen Selbsthass, Lügen und immer wieder zerstörten Hoffnungsschimmern, unzählige gescheiterte Therapieversuche – stationär wie ambulant.

Mehr oder weniger hilflos seien ihre Eltern gewesen und so war es ein Gespräch mit ihrem Klavierlehrer, der auch Leas Chorleiter war, das eine Wendung brachte. „Er hat mir den Kopf gewaschen“, sagt die 23-Jährige. Das habe etwas in ihr bewegt, denn nur sie selbst konnte sich aus der Situation befreien. Ihr Weg führte sie nach dem Abitur nach Neuseeland, wo sie einige Monate als Freiwillige unterwegs war und unter anderen auf Farmen gearbeitet hat. „Das war eine ganz andere Gedankenwelt und es hat mir wahnsinnig gut getan, raus zu kommen“, erinnert sich Lea-Sophie. In dieser Zeit sei auch die Idee des Buchs entstanden und habe nach und nach konkrete Züge angenommen.

Die eigenen Grenzen kennen

Und heute? „Manchmal bemerke ich noch eine gewisse Anwesenheit der Krankheit, jedoch beherrschen mich alte Gedankenmuster nicht mehr und ich glaube, dass sie auch irgendwann gänzlich verschwunden sein werden“, sagt die junge Buchautorin. Der Fokus liege nun auf ihr und sie vergleiche sich nicht mehr mit anderen. Dankbar ist sie für die vielfältige Unterstützung in ihrem Umfeld. Die junge Frau studiert Fitnessökonomie, was sich in Theorie-Veranstaltungen an einer Frankfurter Hochschule und den Praxis-Anteil im Life-Fitness-Studio in Rülzheim gliedert. „Ich bin aber sehr verantwortlich, was den Sport angeht und kenne meine Grenzen“, schiebt sie direkt hinterher.

 

Info

Das Buch „Wie viel wenig ist genug? Mein Ausbruch aus der Magersucht“ von Lea-Sophie Steiff ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen und kostet 12,99 Euro.

 

 

 

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