Kreis Germersheim Er lehrte die Schnaken das Fürchten
„Es gibt niemand, der das Gebiet hier so gut kennt wie er“, sagt Mario Ludwig, Regionalleiter der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) für Rheinland-Pfalz. Gemeint ist damit Manfred Stroh, seit mehr als vier Jahrzehnten Schnakenobmann in Lingenfeld. Ludwig weiß also, wie schwer es wird, den 76-Jährigen zu ersetzen, der seine Aufgabe aus gesundheitlichen und altersbedingten Gründen in jüngere Hände geben will. Auf dem Campingplatz, wo Stroh einen Wohnwagen stehen hatte, seien Mitte der 1970er Jahre, als es losging mit der Schnakenbekämpfung, Freiwillige für Messungen gesucht worden, erinnert sich der Lingenfelder. Im Schnakengebiet eine Minute lang den entblößten Arm herauszustrecken, galt es zum Beispiel. „Danach hat man 35, 40 Stiche gehabt“, sagt Stroh. Heutzutage gibt es für solche Messungen glücklicherweise Schnakenfallen. „Ein Leben nach 18 Uhr war draußen nicht möglich“, beschreibt Mario Ludwig die Zustände vor der gezielten Schnakenbekämpfung. Man habe im Sommer oft den Garten nicht betreten können, ergänzt Stroh. In Lingenfeld habe der damalige Bürgermeister Hugo Fröhlig den Anstoß für die Schnakenbekämpfung gegeben, der Kontakt zur BASF herstellte. Er war es auch, der Manfred Stroh 1975 als Schnakenobmann einsetzte. Zunächst seien chemische Mittel zum Einsatz gekommen, später biologische, seit Mitte der 1980er dann der heute noch gebräuchliche Wirkstoff BTI, der Stechmückenlarven abtötet. Der technische Fortschritt hat auch die Arbeit der Schnakenbekämpfer über die Jahre erleichtert, dafür sind viele Auflagen hinzugekommen. „Am Anfang haben wir mit Luftballons gearbeitet, damit der Hubschrauberpilot sieht, wo er hinfliegen muss“, berichtet Stroh. Heute funktioniert alles per GPS-Signal. Dennoch sind gerade die Einsätze zu Fuß immer noch ein „echter Knochenjob“, wie Ludwig bestätigt. Geschätzt rund 1000 Einsatztage hat Manfred Stroh über die Jahrzehnte mitgemacht. Mit der zehn Kilo schweren Spritze auf dem Rücken stand er unzählige Male schon ab dem frühen Morgen im kniehohen Wasser, um den kleinen Plagegeistern zu Leibe zu rücken – oft an Tagen, wenn andere am Badesee entspannen konnten. 2016 sei es besonders schlimm gewesen, da seien die Kabs-Leute so gut wie „nicht mehr aus den Stiefeln herausgekommen“. Urlaub im Sommer war für Stroh nicht möglich: „Wenn man den Posten hat, muss man zwischen März und September verfügbar sein.“ Stroh ist dankbar, dass seine Frau ihn stets unterstützte. Mit einer Größe von 350 Hektar, die potenziell unter Wasser stehen können, hatte Stroh das – neben Römerberg – größte Gebiet innerhalb der Kabs im Land zu betreuen. Einen neuen Schnakenobmann wird es in Lingenfeld nicht mehr geben, Stroh war der letzte mit diesem Titel. Einen Nachfolger hat er dennoch: Harald „Harry“ Jonitz wird sogenannter Kommunalleiter der Kabs für Lingenfeld. Der 55-Jährige ist Biologe und hat in der Vergangenheit für die Kabs die Region Philippsburg betreut. Er wohnt in Wiesloch und soll Ende März eingewiesen werden, wenn er aus Ecuador zurück ist, wo er die Wintermonate verbringt. Die Kabs will Stroh weiter einbinden, für seinen Nachfolger soll er ein wichtiger Ansprechpartner sein. „Wir brauchen sein Wissen“, sagt Ludwig. Es werde Jahre dauern, bis der Nachfolger sich dieses angeeignet habe. Entscheidend ist für ihn, dass das bewährte Team am Ort zusammenbleibt. Auch wenn Stroh künftig nicht mehr an vorderster Front im Kampf gegen die Schnaken steht – schwer vorstellbar, dass er sich künftig nur noch seinem Garten widmet. „Ganz hängen lassen kann man sie ja nicht“, deutet Stroh an, dass er noch häufig bei den Kollegen im Kabs-Haus am Anglerheim anzutreffen sein wird.