Kandel / Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Endlich wieder shoppen können

Frühlingserwachen im Einzelhandel nach den Corona-Beschränkungen. Nicht nur in Kandel.
Frühlingserwachen im Einzelhandel nach den Corona-Beschränkungen. Nicht nur in Kandel.

Mit einem bedächtigen Auftakt, aber voller Zuversicht beginnt der Einzelhandel den Weg zurück in das, was man vor wenigen Monaten noch Normalität nannte. Der große Ansturm bleibt nach der fünfwöchigen Zwangspause zwar aus, aber die Innenstädte sind endlich wieder belebter.

„Der Vormittag war noch ruhig, aber es muss sich ja erst wieder alles einspielen“, sagt Bernd Kleiber am Montag. Der Geschäftsführer des Geschenkhauses Stoll weiß um „die harte Zeit für den Handel in Kandel. Zuerst die Demos und jetzt auch noch das Virus. Aber ich bin zuversichtlich. Und das sollte man auch sein, wenn man ein Geschäft hat.“ Als er am Freitag von der Entscheidung des Landes erfuhr, die Corona-Auflagen zu lockern, „ist uns von vorneherein klar gewesen, dass der Laden um 9 Uhr nicht voll ist. Wir selbst müssen uns ja auch erst wieder daran gewöhnen.“ Ihn freut besonders die Aktion des Gewerbevereins, der mit dem Motto „Wir sind wieder da!“ für die Einkaufsstadt wirbt. Vor seiner Ladentür ist tatsächlich wieder etwas los, sind Passanten zu sehen. Eigentlich könnte es auch ein normaler Wochenbeginn sein, wenn nicht die Schlange vor der Apotheke wäre. Ansonsten muss kein Ladenbesitzer Angst haben, dass er wegen eines zu großen Ansturms mit den Abstandsregelungen in Konflikt kommt.

Chef überwacht Zugangsbeschränkung

Am Eingang von Schuh Gran wacht mit Ralf Behrendt der Chef persönlich darüber, dass nicht mehr als 50 Kunden gleichzeitig im Geschäft sind. Als sich schon am frühen Morgen viele Kunden telefonisch danach erkundigten, ob man denn geöffnet habe, konnte man sich auf den besonderen Bedarf der so lange Ausgesperrten einrichten: Kinderschuhe. Er ist froh, dass sich „die Leute so diszipliniert verhalten und sich mit dem Warten inzwischen abfinden können.

Nur sechs Personen inklusive Kinder dürfen zur gleichen Zeit in der Kinderschuhabteilung sein. Daniela Ibler und ihr bald vier Jahre alter Sohn Kimi waren zwei davon. Nach dem Einkauf streben sie dem Ausgang zu und wollen sich draußen noch gemütlich ein Eis zum Mitnehmen kaufen. Kimi sieht sensationell aus. Denn der Bub trägt einen Feuerwehrhelm, dem ihm „mein Onkel Walter“ geschenkt hat. Ungleich glücklicher ist aber seine Mutter: „Er brauchte dringend Sommerschuhe. Und bei Kindern ist es wirklich schwierig, denn die kann man wegen der Größe nicht im Internet kaufen.“ Ralf Behrendt bestätigt natürlich diese Erfahrung. Schuhe online zu kaufen mache einfach keinen Sinn, da man sie anprobieren müsse.

Mit Hosenkauf Wirtschaft ankurbeln

Nur wenige Meter weiter bei Mode Meier wird auch anprobiert. Christa Zoller freut sich, dass sie in ihrer Mittagspause wieder shoppen gehen kann. „Vorher war alles wie ausgestorben, aber jetzt lebt wieder alles.“ Einerseits brauche sie gerade wirklich ein Paar kurze Hosen, anderseits möchte sie aber auch die Wirtschaft ankurbeln. Sie unterhält sich derart vertraut mit den Verkäuferinnen, dass die Vertrautheit einer langen Bekanntschaft spürbar wird. Eine davon ist Tina Lutz. Die Arbeit habe ihnen allen gefehlt, „gerade weil wir alle den Kundenkontakt so gewöhnt sind.“ Zwar sei alles noch etwas anders als früher, „aber wichtig ist für die Menschen, dass sie wieder vor die Tür kommen und etwas für die Seele tun können“. Der Kundenstrom verhalte sich zudem so, dass man nicht lenkend eingreifen müsse. Zudem seien die Kunden diszipliniert und hielten den Abstand ein: „Wir haben alle kapiert, dass es sein muss, damit irgendwann alles wieder normal wird.“

So entsteht die Straße entlang wieder Stück für Stück das vertraute Gefühl. Bücher Pausch, Sempremoda oder der Bioladen natur pur lassen zumindest vorsichtig wieder jene Leichtigkeit einziehen, die in diesem Frühling bislang vermisst werden musste. Blumen Roth mit seinem Geschäftsführer Michael Roth hatte zuletzt mit einem Selbstbedienungsangebot das Blühende erfolgreich wach halten können. Er ist zufrieden: „Es läuft an, wir hatten auch einiges an Publikumsverkehr. Ich sehe das alles ganz positiv. Denn wir dürfen wieder raus und alles andere kommt alles wieder. Und vor allem sind wir alle gesund geblieben. Das ist das Wichtigste überhaupt.“

Nun kann die Frühjahrskollektion raus

Von einem relativ guten Geschäftsverlauf sprechen in der Mittagszeit auch Germersheimer Geschäftsleute am ersten Tag der Lockerung der Corona-Beschränkungen. Sylvia Boehm vom Dessous-Laden in der Marktstraße berichtete, dass sie den ganzen Vormittag über bedient habe. Vor allem Stammkunden, aber auch eine Neukundin, die ihr Einkaufsverhalten nun lokaler ausrichten wolle. Boehm freut sich darüber, dass es nun weitergeht. Auch deshalb, weil unmittelbar vor der angeordneten Geschäftsschließung die neue Kollektion eingetroffen sei.

Goldschmiedin Birgit Janson hatte dank ihres Online-Shops und telefonischer Bestellungen gut zu tun. Doch nun komme auch die Laufkundschaft wieder zu ihr in die Sandstraße.

70, 80 Prozent von normalem Kundenandrang

Bei Kik in der Ladenzeile im Einkaufszentrum in der ehemaligen Stadtkaserne stöbert eine Handvoll Kunden an den Kleiderständern. Bei „My Shoes“ war der Vormittag Okay, sagte eine Verkäuferin. Gut zu tun haben die Mitarbeiterinnen der Apotheke Walch. Apotheker Michael Walch berichtet, dass der Verkauf von Schutzmasken und Desinfektionsmittel gut laufe, auch wegen der Nachfrage seitens der Geschäftsleute. Vor Ostern sei es allerdings noch mehr gewesen. Inzwischen sei auch der Nachschub gesichert. Es würden teils sehr große Mengen geliefert. Da er davon nicht alles selbst verkaufen könne, habe er ein Netz von Abnehmern geknüpft: Firmen, die größere Mengen bräuchten, aber auch Apotheken, von denen er umgekehrt Waren erhalte, an die er nur schwer komme. Walch, der von seiner Apotheke aus die Ladenzeile gut überblicken kann, schätzt das Kundenaufkommen auf 70, 80 Prozent von einem normalen Montag.

Sicher ist sicher.
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