Kreis Germersheim Endlich wieder lernen dürfen

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Integration funktioniert am besten über Bildung. Deshalb sollen die Kinder von Asylsuchenden möglichst schnell die Schule besuchen. Die Realschule Plus in Kandel hat in den vergangenen Monaten 35 solcher Mädchen und Jungen aufgenommen – und hätte gerne noch mehr. Die RHEINPFALZ hat sich im Deutschunterricht umgesehen.

Lehrer Rudi von Dziegelewski muss noch immer schmunzeln, wenn er an die ersten Stunden zurückdenkt: Vor ihm saßen knapp 20 Kinder ohne Deutschkenntnisse, er selbst beherrscht neben Deutsch noch Russisch und Englisch. Da Bulgarisch und Russisch durchaus Überschneidungen haben, sprach der Lehrer also zuerst einen Jungen aus Bulgarien an. Der wiederum konnte auch Türkisch, was Flüchtlinge aus Syrien auf ihrem Weg nach Deutschland ebenfalls gelernt hatten. Und so kam man ins Gespräch. Drei Monate später ist Deutsch längst Unterrichtssprache geworden. „Was ist das?“, ruft von Dziegelewski und zupft an seinem Oberteil. „Ein Poloshirt“, schallt es ihm entgegen. „Welche Kleidungsstücke kennt ihr noch?“ Der zwölfjährige Jehad aus Syrien trägt seine Hausaufgaben vor: „Mütze. Hemd. Hose. Schuhe.“ Danach geht es mit einem Grammatikspiel weiter. Die Klasse macht begeistert mit, Ermahnungen gibt es nur, weil zu eifrig hineingerufen wird. „Kinder sind Kinder“, sagt von Dziegelewski. Sein Eindruck: Sie genießen nach ihrer Flucht das ruhige Leben in Deutschland, sind neugierig und beobachten viel. Ihr Lehrer weiß, wie sie sich fühlen: Von Dziegelewski ist selbst erst im Alter von zwölf Jahren aus Russland gekommen. „Ich musste auch lernen“, sagt er seinen Schützlingen. Und das tun sie: Manche konnten ihre Muttersprache weder lesen und schreiben, drei Monate später melden sie sich begeistert für ihre nächste Fremdsprache an und wollen in der Ganztagsschule Englisch lernen. 448 Kinder besuchen derzeit die Realschule Plus, 35 von ihnen sind Flüchtlinge. Ein wichtiges Prinzip: Jedes Kind wird einer Klasse zugeteilt, erläutert Rektorin Cornelia Geiser. Am morgen gibt es zwar vier Stunden Deutsch-Intensivkurs, doch danach lernen die Mädchen und Jungen den Schulalltag in ihrer Klassengemeinschaft kennen. Vor allem in Sport, Musik und Kunst besuchen sie dann den regulären Unterricht. Es sei ein Glücksfall, dass von Dziegelewski vor zwei Jahren als Vertretungslehrer an die Schule gekommen sei und nun seine Qualifikation in Deutsch als Zweitsprache einbringen könne, sagt Geiser. Außerdem spreche eine Kollegin Türkisch, was eine große Hilfe sei. Denn Aufnahmegespräche dauern bis zu vier Stunden: Ganztagsschule, Mittagessen, Busfahrpläne – alles muss erklärt werden. Dabei stehen ihr oft Schüler mit entsprechenden Sprachkenntnissen als Dolmetscher zur Seite, sagt Geiser, „gerade für Mädchen ist das eine tolle Erfahrung.“ Meistens seien die Schüler sehr selbstständig, „die haben so viel mitgemacht“, die tägliche Busfahrt nach Hagenbach oder Zugfahrt nach Winden stelle da kein Problem dar. Natürlich gibt es Ausnahmen: Eine Mutter wollte ihre Töchter erst nicht alleine in die Schule lassen und wartete dann im Nachbarzimmer auf das Unterrichtsende. Und es gibt Ausnahmesituationen: Einige Schüler mussten wegen Bombenverletzungen noch zu Nachbehandlungen. Alles kein Problem, sagt Geiser, die Schulgemeinschaft profitiere von den neuen Mitschülern. „Wir hatten bisher kein einziges negatives Ereignis.“ Entsprechend lautet ihr Fazit: „Wir warten und wir haben noch Platz.“ Auch von Dziegelewski sorgt für größtmögliche Normalität im Klassenzimmer: Mädchen sitzen neben Jungs, die Nationalitäten werden gemischt, die Sitzordnung ändert sich ständig. Und während Joel aus Somalia mit dem Finger schnippt, hat Abdulfas aus Afghanistan eine dringende Frage: Er würde auch gerne noch in den Englischkurs. (tnc)

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