Geschichten aus der Geschichte
Ein strahlungssicherer Zufluchtsort
Erst vor Kurzem musste man wieder darüber nachdenken: „Haben wir genügend Betten für die große Anzahl an Patienten, mit denen zu rechnen ist?“ Diese oder ähnliche Fragen stellten sich die Verantwortlichen vor Ort, denn eine Pandemie dieses Ausmaßes hatte wohl kein Mensch erwartet. Eilig wurden überall zusätzliche Bettenkapazitäten geschaffen und sogar „Hilfskrankenhäuser“ eingerichtet. Doch solche Einrichtungen gab in der jüngeren Geschichte schon einmal, auch im Landkreis Germersheim. Damals, der Kalte Krieg strebte zu Beginn der 1960er Jahre gerade mit dem Bau der Berliner Mauer oder der Kubakrise seinem Höhepunkt zu, mussten die Politiker Pläne für den Katastrophenschutz entwickeln. Schließlich galt es, die Bevölkerung auch bei militärischen Angriffen zu schützen.
Zur gleichen Zeit hatten Bürgermeister und Gemeinderat in Minfeld ein großes Projekt ins Auge gefasst. Den Bau einer neuen Schule, denn die bisherigen räumlichen Verhältnisse mit drei Schulhäusern für die bekenntnisorientierten Dorfschulen waren nicht mehr haltbar, wie auch der damals neu gewählte Minfelder Bürgermeister Fritz Schreiber befand. Er setzte alle Hebel in Bewegung, konnte sogar amerikanische Pioniere gewinnen, um den Bauplatz vorzubereiten und die Baugruben auszuheben. Auch eine Turnhalle sollte es endlich geben. Ein Vorschlag war der, dass die Turnhalle einen Keller erhalten sollte, den man schließlich als „Hilfskrankenhaus“ und damit als Ausweichquartier für das Krankenhaus in Kandel genehmigt bekam. Die Gesamtkosten hierfür waren mit 356.000 DM veranschlagt, mit Zuschüssen durfte die Gemeinde mit klammer Finanzdecke rechnen.
Auch „Strahlenmessraum“ vorhanden
Der Kandeler Architekt Kurt Jung (später FDP-Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär im Verteidigungsministerium) erstellte die Pläne und hatte die zahleichen Vorgaben für das Hilfskrankenhaus zu beachten, so die über die Stärke von Decken und Betonwänden, die Stahltüren und die Belüftung. Nach Plänen des Hochstadter Architekten Erich Bodenseh wurden nicht nur zwei Operationssäle (septisch und aseptisch) mit Vorbereitungsräumen geschaffen. Es gab auch einen „Strahlenmessraum“ und einen Raum für das Röntgengerät. Die OP-Räume mussten „strahlungssicher“ sein, denn die Angst vor einem „Atomschlag“, in diesem Fall der Sowjetunion, beherrschte das Denken der Menschen.
Zwei Notstromaggregate versorgten das Hilfskrankenhaus und im Bedarfsfalle auch die Schule. Aber eines hätte schon ausgereicht, erzählt uns Manfred Hardock, der in 40 Jahren als Hausmeister für die Schule zugleich auch das Hilfskrankenhaus zu betreuen hatte und sich hier auskennt wie kein zweiter. Aber das zweite Aggregat musste gewartet werden, falls es mit dem ersten zu Problemen gekommen wäre. Beide stehen übrigens noch dort, sie passen nicht durch eine Tür und müssten über einen Deckenaufbruch nach oben gebracht werden. So, wie man die beiden Dieselmotoren schon damals an ihren Standort gesetzt hatte.
Manfred Hardock erinnert sich daran, dass er 2010, da war er schon sechs Jahre lang im Ruhestand, gebeten wurde, das Aggregat nochmals anzuwerfen, um zu sehen, ob es noch funktioniert: „Und schon nach wenigen Augenblicken war es wieder betriebsbereit“, erzählt er nicht ohne Stolz. Schließlich hatte er die Anlage jahrzehntelang gewartet. Er war auch verantwortlich für die Vorratshaltung und musste sich um Nachschub kümmern, wenn einmal es fehlte. Zwischenzeitlich abgeschaltet ist die Belüftungsanlage in einem eigenen Raum. In diesem kann man heute noch die technische Perfektion erkennen, mit der die Anlagen installiert worden waren.
300 Betten in Klassenzimmern geplant
Ärztliche Behandlungen waren im Hilfskrankenhaus unter der Turnhalle vorgesehen, danach wurden, so der Plan, die Patienten dann über einen unterirdischen Gang in den Bettentrakt gebracht. Mehr als 300 Betten standen zur Verfügung. Sie wären im Falle eines Falles in den Klassenzimmern aufgeschlagen worden. In den Fluren war der Aufbau von Toiletten geplant, auch die Trennwände waren im Keller der Schule gelagert. Die Anschlussmöglichkeiten für Frisch- und Abwasser kann man heute noch gut erkennen.
Mehrfach fanden in den 1970er und 1980er JahrenÜbungen statt, um die Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Mit dabei immer auch Ärzte aus Germersheim und Kandel, aber auch das Rote Kreuz und das Technische Hilfswerk, wie sich Arno Holzhauser erinnert. Er war bei der Verbandsgemeindeverwaltung in Kandel der verantwortliche Abteilungsleiter. Mehrere Ordner füllen die Unterlagen zum Hilfskrankenhaus, enthalten ist die gesamte Korrespondenz mit den zuständigen Behörden in Neustadt, Mainz und Bonn, die das Sagen im Katastrophen- und Zivilschutz hatten. Viele Rechnungen belegen, dass die Minfelder Einrichtung stets gewartet und auf den technisch neuesten Stand gebracht wurde. Immer wieder wurde modernisiert, erinnert sich Manfred Hardock, so auch von einer Sandfilteranlage auf eine ABC-Filter-Anlage umgestellt.
Nicht zu vergessen sei ein 50 Meter tiefer Brunnen für die Versorgung mit Frischwasser und die drei Tanks für das Heizöl, die außerhalb der Halle unterirdisch zu finden sind: Sie fassten 40.000 und 10.000 Liter. Der Tank mit 1000 Litern musste immer gefüllt sein, weil mit diesem die Maschinen in Bereitschaft gehalten wurden. Schließlich musste man lange Zeit mit allem rechnen. Niemand ahnte, dass schon 1989 eine Wende kommen sollte, die einige Selbstschutzeinrichtungen überflüssig machen würde. So auch das Minfelder Hilfskrankenhaus: Dort, wo man alles für Operationen vorgesehen hatte, sind heute ein Jugendtreff untergebracht und Proberäume für zwei Bands eingerichtet sind.
Betten und Decken nach Weißrussland gespendet
In einem Schreiben des Bundesverwaltungsamtes (Zentralstelle für Zivilschutz) aus dem Jahre 2001 hieß es wörtlich, dass man gegen eine „friedensmäßige Nutzung des Schutzbauwerkes“ keine Bedenken habe und auch nicht gegen den Durchbruch der Außenwand zur Schaffung eines zweiten Fluchtweges. Dieser war im Zuge der geforderten Nachbesserungsarbeiten, die vonseiten des Brandschutzes gefordert waren, erforderlich geworden. Die Betten und rund 1000 Wolldecken, alle OP-Instrumente, Sterilisatoren und das Röntgengerät wurden Mitte der 1990er Jahre als Spende nach Weißrussland gegeben. Mit Militärfahrzeugen, die in friedlicher Absicht nach Minfeld gekommen waren, abgeholt. Daran, dass man wieder ein Hilfskrankenhaus brauchen würde, dachte in jener Zeit eigentlich niemand mehr. In einer Beschreibung der Gemeinde Minfeld wird als Besonderheit erwähnt, dass sie als „Relikt des Kalten Krieges noch ein funktionsfähiges, atomsicheres Hilfskrankenhaus“ biete. Aber das stimmt nach dem Umbau der Räume nicht mehr so ganz.