Germersheim
Ein Leben für die Lebensrettung
Was für andere Menschen unvorstellbar ist, war für Uwe Keller ein Leben lang Alltag. Wenn der Germersheimer in der Integrierten Leitstelle des DRK in Landau im Einsatz war, gingen täglich um die 500 Notrufe bei ihm ein. Das sind, grob überschlagen, 182.500 im Jahr, Millionen über ein langes Arbeitsleben. Wie hält man das aus? „Aus der Tür rausgehen, abschalten“, sagt Keller. „Man kann es nicht an sich heranlassen, sonst kann man diese Arbeit nicht machen.“ Die Leitstelle in Landau deckt die Landkreise Germersheim, Südliche Weinstraße und Südwestpfalz sowie die Städte Landau, Pirmasens und Zweibrücken ab, koordiniert die Einsätze von Rettungswägen und Feuerwehr für knapp eine halbe Million Menschen. Irgendwo hat dort immer jemand einen schlimmen Tag – und ruft dann bei Keller und seinen Kollegen an.
Nach vier Jahrzehnten in der Notzentrale wirkt Keller im Gespräch reserviert, kurzangebunden, manchmal auch schwermütig. In seiner Arbeit habe er sich mit seiner Art nicht immer Freunde gemacht, sagt er. Bei 500 Anrufen am Tag nehme man sich, wenn mal ein Kollege am Telefon ist, nicht immer die Zeit, nach der Familie zu fragen. „Es musste schnell und effizient laufen und so habe ich auch immer kommuniziert. Wenn mich die Leute dann mal vor Ort getroffen haben, waren sie manchmal erstaunt, dass ich auch anders konnte.“
Sehr emotionale Momente
Besonders herausfordernd sei seine Arbeit gewesen, wenn einmal ein Bekannter oder Angehöriger von DRK-Mitarbeitern in Not war – und Keller etwa dafür Sorge tragen musste, dass sich ein Familie eines Unfallopfers nicht selbst in den Rettungswagen setzte. Denn es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn es um Leben und Tod geht. „Da hatten wir schon sehr emotionale Momente, aber Tage danach haben sich die Leute bei mir für die Entscheidung bedankt.“ Als ebenso schwierig blieben ihm Anrufe in Erinnerung, bei denen er seine Zuhörer durch eine Reanimation leiten musste, weil der Notarzt zu weit weg war.
Ihre Wertschätzung für den erfahrenen Lebensretter haben die Mitarbeiter an seinem letzten Arbeitstag gezeigt. „Ich hatte eigentlich bis 14 Uhr Dienst. Um 12 Uhr kam ein Kollege und sagte mir: Das war dein letzter Anruf.“ Im Gemeinschaftsraum wartete das Team mit Kuchen auf ihn – ein emotionaler Moment für den 64-jährigen.
Auch im Ahrtal im Einsatz
Aber die Arbeit in der Integrierten Leitstelle ist nur die halbe Geschichte von Kellers Lebensleistung als Lebensretter. Er war von 1990 bis 2006 zusätzlich noch Rettungsassistent im Hubschrauber des DRK. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Sozialstation Germersheim-Lingenfeld. Aber vor allem seine ehrenamtliche Tätigkeit im Technischen Hilfswerk ist sein ganzer Stolz. Beim THW ist er seit 1974 ununterbrochen im Einsatz, kam über diesen Dienst überhaupt erst zum DRK. Über die Jahre durchlief er die Ränge der Organisation, war Truppführer, Gruppenführer, Zugführer. Seit 2010 ist er Ortschef in Germersheim und dort noch mindestens zwei Jahre im Amt.
Er hat Rettungskräfte in Tunesien ausgebildet, für die evangelische Gemeinde in Germersheim Hilfsgüter nach Rumänien gebracht, war bei Hochwassern in Frankreich oder bei der Elbflut 2002 im Einsatz. Die letzten Jahre waren wohl die schwierigsten seiner Laufbahn. Das THW half bei der Pandemie etwa durch den Aufbau eines Notkrankenhauses in Wörth mit, dass die Ehrenämtler ein Jahr später zu einem Impfzentrum umbauten. Auch bei der logistischen Versorgung des Impfzentrums war das Team im Dauereinsatz. Nach einem solchen Arbeitstag in Wörth kam in einer Nacht im Juli 2021 der Notruf aus dem Ahrtal.
Über diesen Einsatz zu sprechen, fällt Keller noch heute sichtlich schwer. Selbst mit der Flut in Ostdeutschland zwanzig Jahre davor kann er das Erlebte nur schwer vergleichen. „Eine solche Katastrophe drei- und vierdimensional mitzuerleben, der Gestank, die Geräusche, der Krempel, der an einem vorbeischwimmt, Wasser im zweiten Stockwerk der Häuser. Es war kaum zu begreifen.“
60-Stunden-Wochen waren die Regel
Keller war in der Ortschaft Kordel im Einsatz, evakuierte dort mit seinem Team 31 Menschen in einem Amphibienfahrzeug – eine Anschaffung, für die er sich vorher lange einsetzten musste, wie er sagt. Nach sechs Tagen war der Wasserstand endlich weit genug gesunken, dass die Germersheimer nach Hause fahren konnten, um ihre Geräte zu wechseln. Insgesamt war Keller drei Wochen im Katastrophengebiet. „Jeder Einsatz ist irgendwie schlimm, aber sowas, wie das Ahrtal, das muss ich nicht noch mal erleben“, resümiert er. „Aber wenn es noch mal passiert, fahren wir natürlich wieder hin.“
Mit seinen verschiedenen Ehrenämtern hatte Keller die meiste Zeit seines Lebens eine 60-Stunden-Woche. Wenig überraschend, dass er es im Ruhestand nicht unbedingt ruhiger angehen lässt. „Die letzten 14 Tage war ich jeden Tag beim THW“, sagt er. Mit seiner Frau hat er zwei erwachsene Kinder, dazu kommt ein Enkel. Der Nachwuchs ist ebenfalls beim THW aktiv. Keller dankt seiner Frau, die ihm immer den Rücken frei gehalten hat. Zum Beispiel, als er für eine Woche in Rumänien war, als der Sohn gerade fünf war – von all den langen Arbeitstagen zwischen DRK, THW und Sozialstation ganz zu schweigen. Für Keller war das nie selbstverständlich.