Kreis Germersheim Ein falsches Schloss und ein ehemaliges Gefängnis
Kandel. Die Wasgaustraße ist eine der kürzeren Kandeler Straßen, sie erstreckt sich nur von der Landauer Straße bis zum Bahnübergang. Wenn man durch diese Straße geht kann man eigentlich nichts besonderes feststellen. Doch auch sie hat ihre eigene Geschichte.
Noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hieß die parallel zur Hauptstraße verlaufende Straße „Hintergasse“. Später wurde der Name in Hochstraße geändert und die lange Straße wurde in eine Untere, Mittlere und Obere Hochstraße geteilt. Etwa Mitte des 20. Jahrhunderts wurde aus der Oberen Hochstraße die Wasgaustraße. Biegt man von der Landauer Straße in die Wasgaustraße ein, sieht man auf der rechten Seite hinter einer Mauer das 1690/91 für den pfalz-zweibrückischen Amtmann Satull gebaut Herrenhaus. Seine Vorderseite zeigt zwar auf die Landauer Straße. Da aber der Hintereingang auf die Wasgaustraße geht, hat auch sie Anteil an dem in älteren Aufzeichnungen als Schloss bezeichneten Gebäude. Das erste Haus auf der linken Seite trägt die Aufschrift „Gasthaus zum Adler“, obwohl dort schon lange „keine rein gehaltenen Weine sowie prima Bier aus der Eichbaum-Brauerei“, wie 1909 angepriesen, ausgeschenkt werden. Verschwunden ist auch der öffentliche Brunnen, der einst auf dem kleinen Platz vor dem 1875 gegründeten Lokal im Haus Hintergasse 175 stand. Von diesem Haus aus soll ein Gang zum St. Georgsturm geführt haben. Belegt wurde dies zwar noch nicht, doch es könnte möglich gewesen sein. Denn der Turm diente als Wehrturm und zu einem solchen gehören auch unterirdische Gänge. In einem großen Sandsteingebäude auf der rechten Straßenseite war ein Gefängnis untergebracht. Aufgelöst wurde das „Café Pfund“, wie es im Volksmund nach seinem letzten Verwalter genannt wurde, in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Einer von Pfunds Vorgänger wurde 1929 umgebracht, als er den Ausbruch eines Gefangenen verhindern wollte. Heute ist das Gebäude Sitz eines der beiden Kandeler Notariate. Gegenüber hatte der in Kandel geachtete und beliebte Arzt Dr. Bernhard Ölschlägel seine letzte Praxis eingerichtet. Zu seinen Patienten gehörten viele ältere Männer. Es hatte sich herumgesprochen, dass er sie mit einem selbst gefertigten Schnäpschen belohnte, wenn sie tapfer die schlimmen Schmerzen bei der Blutabnahme und beim Spritzensetzen ertragen hatten. Auffallend ist, dass in der kurzen Wasgaustraße früher viele Handwerker arbeiteten. Da gab es je einen Maler, Glaser, Holzschuhmacher, Elektriker, Buchbinder und Schuhmacher, zwei Schreiner, drei Näherinnen sowie zwei Brüder, die Maurer waren und gemeinsam ein Baugeschäft führten. Hinzu kommen noch ein Geschäft in dem Heiz- und Gartenmaterialien und ähnliches angeboten wurde sowie ein kleines Weinlokal. Außerdem verdienten sich drei zufällig im gleichen Haus wohnende Handwerker, nämlich zwei Schuhmacher und ein Küfer, während ihrer freien Zeit noch ein Zubrot. Geblieben sind das Notariat sowie die Buchbinderei, die allerdings ihren Besitzer gewechselt hat. Hinzugekommen sind eine Versicherungsagentur, ein mobiler Brandschutzservice sowie eine Energieberatung. Aus einer Schreinerei ist inzwischen ein Bestattungsunternehmen geworden. Selbstverständlich gab und gibt es in der Wasgaustraße auch so manche Bewohner die sich durch ihr ehrenamtliches Engagement verdient gemacht haben. Mit Helga Jäger, Dieter Becker, Wolfgang Pausch, Ernst Poß, Siegfried Sutterer, Karl Weimar und Rainer Zimmermann waren schon sieben Menschen aus der Wasgaustraße als Stadt- und/oder Verbandsgemeinderäte, Fraktionsvorsitzende und Beigeordnete im Dienst der Allgemeinheit tätig. Mit Marc Loreth trat 2014 eine achte Person in ihre Fußstapfen. Jäger war die erste Frau, die im Kreis Germersheim in ein Kommunalparlament gewählt wurde. Karl Pausch, Otto Stoll und Hubertus Krumm haben sich einen Platz in der Kandeler Sportgeschichte verdient. Pausch und Stoll waren Mitbegründer der Leichtathletikabteilung des TSV 1886 Kandel. Krumm gehört zu den Gründern des Kandeler Bogensportvereins, hat viele Landestitel gewonnen und wurde sogar Deutscher Meister. Nicht fehlen in der Reihe verdienter „Wasgausträßler“ darf der Lehrer Josef Didion. Er war Organist, Dirigent des Katholischen Kirchenchors und der Stadtkapelle sowie Kursleiter der VHS. Zudem forschte Didion in vielen Archiven zur Kandeler Geschichte. Leider war es ihn nicht vergönnt, seine Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Heute werden sie in einem Arbeitskreis der Volkshochschule bearbeitet.