KANDEL RHEINPFALZ Plus Artikel Die „Wirtschaft“ fährt wieder hoch

Hotel-Restaurant „Zum Riesen“ in Kandel.
Hotel-Restaurant »Zum Riesen« in Kandel.

Ab Mittwoch ist im Kreis Germersheim wieder Gastronomiebetrieb erlaubt. Ein Hotel-Restaurant öffnet, ein anderes, nur wenige Hundert Meter entfernt, lässt die Türen zu. Wie kann so dicht beieinander der Blick auf die Welt so unterschiedlich ausfallen? Kritik gibt es am Staat, die Unterstützung funktioniert nicht.

Euphorie sieht anders aus und hört sich erst recht anders an: „Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht rentabel, unsere Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zu holen oder es sogar alleine zu stemmen“, sagt Robin Wenz. Mit Mutter Bärbel und Vater Andreas steht er für den Hotel- und Restaurantbetrieb „Zum Riesen“ in Kandel. Während sich die Familie Wenz die Wiedereröffnung ihrer Gastronomie noch nicht zutraut, wird es wenige Minuten Fußweg weiter im Restaurant des Hotels „Zur Pfalz“ ganz anders aussehen und die dortige Familie Koch den Betrieb wieder aufnehmen.

„Ich habe nichts dagegen, schön sieht es ja aus“, sagt Mario Koch beim Blick in den Biergarten. Die Tische und Stühle sind bereits nach den Vorgaben der aktuellen Coronaverordnung für die Gastronomie angeordnet. Buchstäblich mit dem Maßband seien sie herumgegangen, um die notwendigen Abstände von anderthalb Metern zu bestimmen. Übrig geblieben seien nun gerade einmal ein Drittel der Plätze.

Schon auf dem Weg hinaus hatte sich Koch an den Tischen der Bewirtungsräume in der Art eines Kinder-Abzählreims versucht, um die Konsequenzen der Abstandsregeln zu verdeutlichen: „Der Tisch würde gehen, der fällt raus, der würde gehen … Also, im Prinzip fallen jeder zweite Tisch und ein Drittel der sonstigen Bestuhlung weg.“

Familienfeiern wird es kaum geben

Während Mario im Familienbetrieb der Kochs für das Hotel zuständig ist, liegt die Verantwortung für Küche und Restaurant bei Bruder Michael und dessen Frau Lisa. Michael spricht bei der Wiedereröffnung von einem Versuch „so gut es geht, aber ob es auch angenommen wird, ist die Frage.“ Denn einerseits gebe es schon zahlreiche Anfragen der Stammgäste. Andererseits werden die Einschränkungen gerade im Service spürbar sein. Durch die Beschränkung auf lediglich zwei Haushalte pro Tisch blieben Stammtische weiterhin unmöglich. Und selbst Familienfeiern hätten es schwer, da hierbei oft „drei, vier oder fünf Haushalte zusammenkommen“.

Der wirtschaftliche Druck auf die Familie ist hierbei hoch. Seit Februar wird der gesamte Wellnessbereich umgebaut und die Investitionskosten für die noch nicht abgeschlossenen Maßnahmen sind enorm. Momentan stehe man noch relativ gut da, sagt Michael Koch und habe „noch keinem unserer sehr loyalen Mitarbeiter“ kündigen müssen. „Aber es muss weitergehen. Das Hotel muss wieder ausgelastet sein und die Gastronomie wieder ins Laufen kommen.“

Zweifel an der eingeschränkten Öffnung bleiben

Selbst wenn alles doch irgendwie funktioniert, hat sein Bruder Mario Zweifel an der „ganz neuen Erfahrung“. Es sei zweifelhaft, ob der Aufwand in Anbetracht der bleibenden Virusbedrohung am Ende überhaupt etwas bringe. Mario Koch beobachtet die wieder steigenden Zahlen der vergangenen Tage ebenso aufmerksam wie die Maßnahmenlockerungen im Elsass sowie Bestimmungen im Grenzverkehr. Eine Rücknahme der jetzigen Erleichterungen für die Gastronomie erscheint ihm möglich.

Mehr Kosten als Nutzen erwartet

Eben darum geht es Robin Wenz vom „Riesen“: „Wir werden erst einmal die Lage beobachten. Denn die Möglichkeit, dass die Zahlen steigen und wieder ganz dicht gemacht wird, ist eben da.“ Würde man jetzt schon hochfahren und hierzu für Lebensmittel und Hygienemaßnahmen Geld in die Hand nehmen, dann wäre der Schaden noch viel größer. Denn natürlich muss man beim „Riesen“ auch rechnen. Mit den Auflagen verursache die Aufnahme des Betriebes mehr Aufwand, als später Geld in der Kasse sein könnte. Schließlich seien im „Riesen“ neben den drei Familienmitgliedern noch drei Festangestellte, ein Lehrling sowie drei Aushilfen beschäftigt. Noch könne man von den Rücklagen leben.

Kurzarbeitergeld kommt nicht

Vater Andreas sieht es ebenso. Zumal es weitere Schwierigkeiten gibt. So habe der Chefkellner Asthma und könne nicht so einfach mit einer Maske arbeiten. Dass Auflagen kämen, sei ihm natürlich schon klar gewesen. Und dennoch: „Wollen die Gäste überhaupt mit Maske hier hereinkommen? Oder sich in eine Liste mit allen persönlichen Angaben eintragen lassen? Dabei soll es für die Menschen doch eigentlich ein Genuss sein, hier bei uns zu sitzen. Nein, das ist alles Humbug und noch nicht ausgereift.“ Ohnehin gehe man für die Angestellten schon seit acht Wochen in Vorleistung. Gleich zu Beginn habe man Kurzarbeitergeld beantragt, „aber es kommt nichts. Zuerst wurde großspurig versprochen, uns zu helfen, aber dann lässt man uns im Stich.“ Trotz aller Unwägbarkeiten der kommenden Wochen und Monate bleiben die Familien Wenz und Koch dennoch zuversichtlich. Michael Koch: „Wir haben den Laden jetzt seit 160 Jahren in Familienbesitz. Und ich gehe davon aus, dass es noch einige mehr werden.“

Hotel-Restaurant „Zur Pfalz“ in Kandel.
Hotel-Restaurant »Zur Pfalz« in Kandel.
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