Kreis Ger
Die 24-Stunden-Pflegen im Landkreis Germersheim arbeiten am Limit
Pflegekräfte verschwinden über Nacht. Neue kommen nicht nach, weil die Grenzen dicht sind. Der Schwarzmarkt ist leer gefegt. Die Pflegeagenturen arbeiten am Rande des Limits. Renate Föry, Geschäftsführerin von Seniocare 24 in Kandel ist den Tränen nahe. „Wir bekommen jeden Tag viele Anrufe von verzweifelten Menschen, die dringend eine Pflegekraft brauchen. Ich habe bereits eine lange Warteliste.“ Die illegal Beschäftigten der Branche seien als Erste gegangen. „Klar“, sagt Föry. „Sie haben keinen Schutz, sind nicht versichert.“
„Können Sie nicht eine Pflegekraft für uns zaubern“
Vergangenes Wochenende sind dann viele der vertraglichen Pflegekräfte zu ihrer Familie gefahren und müssen nun erstmal in Quarantäne oder können nicht mehr zurück, weil die Grenzen geschlossen sind, Busse nicht mehr fahren, Flugzeuge nicht mehr fliegen. „Ich kann die Frauen ja auch verstehen. Viele sind über 50 Jahre alt und wollen in diesen Zeiten bei ihrer Familie sein“, so Föry. Ihr fehlen gerade gut 20 Prozent oder 200 Betreuerinnen. „Ich kann seit Tagen nicht mehr schlafen. Es rufen Menschen an, die weinen am Telefon und bitten, ich möge doch eine Pflege für sie zaubern.“
„Furchtbar“, so schätzt auch Sandra Lindenberg, Inhaberin der Hand-in-Hand-Pflege aus Rheinzabern, die Situation ein. Normalerweise hat sie einen Pool von 70 bis 100 Betreuerinnen, aktuell sind es noch 45. „Diejenigen, die noch da sind, wollen auch bleiben. Aber es kommt nichts nach, deshalb kann auch nicht gewechselt werden“, berichtet sie.
Von einer Krise in der Krise spricht Marta Elice, Inhaberin der Top Pflege 24 in Leimersheim. Sie hat normalerweise einen Stamm von 2500 Betreuerinnen, auf die sie zurückgreifen kann. Jetzt sind es noch 15. Völlig zusammen gebrochen seien die Verbindungen in den südosteuropäischen Raum. „Seit Ungarn die Grenzen geschlossen hat, kommen keine Kräfte aus Kroatien, Rumänien oder Bulgarien mehr.“ Für Pflegekräfte aus der Ukraine gibt es keine Flüge, die Busfahrt dauert über 30 Stunden. „Das kann man auch niemandem zumuten“, so Elice. Zudem hätten die Pflegekräfte natürlich auch Angst. Zum einen wollen sie nicht in Familien, aus Angst vor Ansteckung; zum anderen wollen viele ihr Zuhause nicht verlassen, aus Sorge womöglich nicht mehr zurück zu können oder in Quarantäne zu landen.
Grenzen für Pflegepersonal müssen offen bleiben
Mit Betreuerinnen, die noch hier sind, habe sie bereits vor zwei Wochen geregelt, dass diese zunächst drei Monate in der jeweiligen Familie bleiben. „Noch kriegen wir es gestemmt, auch wenn vielleicht Abstriche gemacht werden müssen“, sagt Elice und meint damit zum Beispiel Ausbildung und Sprachkenntnisse der Pflegerinnen. Beim Zoll habe sie eine Sondergenehmigung beantragt, dass Pflegekräfte nach verschärften Sicherungsvorkehrungen und Kontrollen weiterhin einreisen dürfen. Dafür plädiert auch Föry: „Die Grenzen für Pflegepersonal müssen offen bleiben – gerne auch mit verschärften Kontrollen“, so ihr Appell an die Politik. Ansonsten würde die Pflege wohl bald zusammen brechen. Zumindest teilweise können die Ausfälle aufgefangen werden, weil immer mehr Menschen von Zuhause aus arbeiten oder frei gestellt sind, sagen die Pflegeagenturen.
„Wir müssen jetzt zusammen halten und dürfen nicht aufgeben. Auch wenn dieses Jahr ein Minus-Jahr wird, nächstes Jahr wird es wieder besser“, so Föry.